Die Farbänderung einer großen Fläche, wie bei einem Kleidungsstück, ist eines der anspruchsvollsten Projekte in der Werkstatt. Bevor wir ins Detail gehen, müssen wir eine grundlegende Regel des Handwerks festhalten: Nicht jedes Leder lässt sich färben. Wenn Sie eine typische, im Laden gekaufte Jacke aus chromgegerbtem Leder im Schrank haben, die werkseitig gefinisht und mit einer Lackschicht versiegelt ist, werden herkömmliche, penetrierende Lederfarben einfach daran abperlen. Chromgerbung und fertige Farbbeschichtungen nehmen keine zusätzlichen Farben oder Wachse auf. Diese Anleitung richtet sich an Personen, die mit rohem, pflanzlich gegerbtem Leder arbeiten (zum Beispiel beim Nähen von individueller Motorradbekleidung aus Croupon mit einer Stärke von 1,2 mm bis 1,5 mm) oder die sich der schwierigen Aufgabe stellen, eine alte, stark abgenutzte Jacke zu restaurieren, bei der das werkseitige Finish vollständig abgetragen ist und die Narbenseite wieder saugfähig geworden ist.
Das Färben einer großen Fläche ist wie das Spachteln einer Wand – jeder kleinste Fehler bei der Vorbereitung des Untergrunds zeigt sich gnadenlos in Form von Flecken und Schlieren. Das Verständnis dieses Prozesses erleichtert die Arbeit an jedem kleineren Werkstück. Die Regeln, die wir hier besprechen, sind universell. Unabhängig davon, ob Ihr Ziel die Erneuerung einer großen Bikerjacke oder die Farbänderung kleinerer Accessoires ist, bleibt die Mechanik des Eindringens des Pigments in die Faserstruktur identisch. Es ist eine Arbeit, die Geduld, gute Belüftung und die strikte Einhaltung des technologischen Ablaufs erfordert.
Was Sie benötigen
Die Arbeit an einer großen Fläche lässt keine Improvisation zu. Sie müssen einen ausreichenden Vorrat an Chemikalien zur Hand haben, denn eine Unterbrechung des Färbevorgangs mitten in einem Teil wegen fehlender Flüssigkeit führt zu einer dauerhaften, sichtbaren Ansatzlinie. Stellen Sie die folgende Liste zusammen, bevor Sie das Leder auch nur berühren.
Materialien:
- Jacke aus saugfähigem Leder: Rohes, pflanzlich gegerbtes Leder oder altes Leder mit vollständig entferntem Finish.
- Finish-Entferner (Deglazer): Ein unverzichtbares Präparat auf Basis starker Lösungsmittel, zum Beispiel Fiebing's Deglazer. Es öffnet die Poren des Leders und entfernt Reste von altem Wachs, Fetten und Acryl.
- Penetrierende Lederfarbe: Für so große Projekte empfehle ich Farben auf Alkoholbasis wie Fiebing's Pro Dye. Sie dringen tief ein, verdunsten schnell und ergeben eine sehr intensive, dauerhafte Farbe. Um der Jacke einen tiefen, rabenschwarzen Farbton zu verleihen, ist schwarzes Pro Dye ein bewährter Werkstattstandard. Eine Alternative sind Farben auf Wasserbasis (Eco-Flo), die langsamer trocknen, was die gleichmäßige Verteilung auf großen Flächen erleichtert, aber die Narbenseite des Leders leicht aufrauen können.
- Lederpflege (Conditioner): Farben auf Alkoholbasis trocknen die Fasern drastisch aus. Sie benötigen einen reichhaltigen Balsam, um die Elastizität wiederherzustellen. Ein dicker Lederbalsam eignet sich hierfür gut.
- Finish (Versiegelung): Ein Mittel, das das Pigment im Inneren einschließt und das Kleidungsstück vor Regen schützt. Fiebing's Resolene ist eine bewährte Wahl, die eine flexible Acrylbarriere bildet.
- Abdeckband: Hochwertiges Maler-Kreppband zum Schutz von Reißverschlüssen, Druckknöpfen und dem Innenfutter.
Werkzeuge:
- Polster- oder Zelluloseschwämme: Zum Auftragen der Farbe auf den großen, flachen Teilen der Jacke (Rücken, Vorderseiten).
- Woll-Applikatoren (wool daubers): Unverzichtbar für präzises Färben entlang der Nähte, am Kragen und um die Taschen herum.
- Saubere Baumwolltücher: Zum Polieren und Aufnehmen von überschüssigem Pigment.
- Nitrilhandschuhe und Schutzfolie: Die Farbe färbt alles, womit sie in Kontakt kommt, dauerhaft – einschließlich Ihrer Hände und des Werkstattbodens.
Schritt für Schritt
Der Prozess des Färbens einer Jacke erfordert, die Arbeit auf mehrere Tage zu verteilen. Versuchen Sie nicht, das Trocknen mit einem Fön zu beschleunigen, da Sie die Lösungsmittel zum zu schnellen Verdampfen zwingen, was die Narbenstruktur beschädigen wird.
Schritt 1: Saugfähigkeitstest und Materialprüfung
Bevor Sie irgendetwas tun, müssen Sie prüfen, womit Sie es zu tun haben. Geben Sie ein paar Tropfen sauberes Wasser auf eine unauffällige Stelle der Jacke (z. B. unter dem Arm oder auf der Innenseite der Manschette). Wenn das Wasser sofort einen Tropfen bildet, der abperlt und auch nach einer Minute nicht einzieht, ist das Leder stark gefinisht. In diesem Fall wird eine penetrierende Färbung nicht gelingen. Wenn das Wasser schnell einzieht und das Material dunkler färbt, ist das Leder offenporig und bereit für die Bearbeitung. Dies ist ein entscheidender Test, der immer vor Beginn jeglicher Färbearbeiten durchgeführt werden sollte.
Worauf Sie achten sollten: Vertrauen Sie nicht den Etiketten. Die Aufschrift „100% genuine leather“ sagt nichts über die Gerbart oder das aufgetragene Finish aus.
Typischer Fehler: Den Wassertest zu ignorieren und die Farbe auf versiegeltes, chromgegerbtes Leder zu gießen. Die Flüssigkeit wird einfach auf den Boden laufen und einen klebrigen, schmutzigen Rückstand auf der Oberfläche des Kleidungsstücks hinterlassen.
Schritt 2: Entfetten und Öffnen der Poren
Selbst rohes, pflanzlich gegerbtes Leder hat natürliche Öle von den Händen des Handwerkers auf sich. Ziehen Sie Handschuhe an, öffnen Sie die Fenster weit und tränken Sie ein Baumwolltuch mit Fiebing's Deglazer. Reiben Sie die Jacke Stück für Stück mit mäßigem Druck ab. Sie werden sehen, wie das Leder matt und leicht rau wird. Wechseln Sie die Tücher, sobald sie Schmutz aufgenommen haben. Bei alten Jacken kann dieser Schritt bis zu einer Stunde dauern.
Worauf Sie achten sollten: Die Dämpfe des Deglazers sind sehr stark. Arbeiten Sie wenn möglich mit einer Atemschutzmaske mit Filter und halten Sie sich von Zündquellen fern.
Typischer Fehler: Zu sanftes Abreiben. Wenn Sie einen Fettfleck am Ellbogen übersehen, wird die Farbe an dieser Stelle nicht greifen und einen hellen, ungefärbten Fleck hinterlassen.
Schritt 3: Sorgfältiges Abkleben
Penetrierende Lederfarbe ist unbarmherzig. Wenn ein Tropfen auf das Baumwollfutter fällt, bleibt er dort für immer. Verwenden Sie Abdeckband, um alle Zähne der Reißverschlüsse, Metalldruckknöpfe, Schnallen und die Kanten, die an das Stofffutter grenzen, sorgfältig abzukleben.
Worauf Sie achten sollten: Drücken Sie die Kanten des Bandes mit dem Fingernagel oder einem kleinen Glättwerkzeug fest, um Luftblasen zu entfernen. Die Farbe kann durch Kapillarwirkung unter schlecht verklebtes Band kriechen.
Typischer Fehler: Der Versuch, Metallteile mit dem Pinsel zu umgehen, anstatt sie abzukleben. Eine einzige unruhige Handbewegung genügt, um die Ästhetik eines Messing-Reißverschlusses zu ruinieren.
Schritt 4: Auftragen der Farbe auf großen Flächen
Gießen Sie die Farbe in ein breites, stabiles Gefäß. Nehmen Sie einen großen Schwamm, tauchen Sie ihn in die Flüssigkeit und drücken Sie ihn leicht aus. Beginnen Sie mit den größten Flächen, zum Beispiel dem Rücken. Tragen Sie die Farbe in langen, fließenden Bewegungen in eine Richtung auf (z. B. von oben nach unten). Es ist wichtig, eine „nasse Kante“ zu halten. Lassen Sie den Rand eines gerade aufgetragenen Farbstreifens nicht trocknen, bevor Sie den nächsten Streifen daneben auftragen. Tragen Sie die Farbe zügig, aber ohne den Schwamm gewaltsam aufzudrücken, auf. Für Details, Nähte und den Bereich um die Taschen verwenden Sie Woll-Applikatoren. Denken Sie daran, dass penetrierende Farben helle synthetische Fäden dauerhaft färben. Wenn Sie deren ursprüngliche Farbe erhalten möchten, müssen Sie sie sorgfältig abkleben, andernfalls werden sie vom Pigment verfärbt.
Worauf Sie achten sollten: Farben auf Alkoholbasis können in den ersten Minuten metallisch oder violettstichig aussehen (besonders schwarzes Pro Dye). Dies ist ein normales Phänomen, bei dem sich überschüssiges Pigment absetzt.
Typischer Fehler: Das Einreiben der Farbe mit kreisenden, kurzen Bewegungen auf einer großen Fläche. Dies führt zur Bildung dunklerer Flecken an Stellen, an denen der Schwamm wiederholt denselben Bereich berührt hat.
Schritt 5: Trocknen und Polieren (Entfernen des Pigmentstaubs)
Lassen Sie die Jacke an einem gut belüfteten Ort für mindestens 12 bis 24 Stunden trocknen. Das Leder muss vollständig trocknen und die Lösungsmittel müssen verdunsten. Wenn das Material trocken ist, werden Sie einen matten Belag darauf bemerken. Das ist überschüssiges Pigment, das nicht in die Poren des Leders eingedrungen ist. Nehmen Sie ein sauberes, trockenes Baumwolltuch und polieren Sie die gesamte Jacke energisch. Sie werden sehen, wie das Tuch schmutzig wird und die Narbenseite ihren natürlichen, seidenmatten Glanz zurückgewinnt.
Worauf Sie achten sollten: Wechseln Sie die Tücher regelmäßig gegen saubere aus. Wenn Sie mit einem mit Pigment gesättigten Tuch polieren, reiben Sie den Staub nur an andere Stellen.
Typischer Fehler: Zum nächsten Schritt überzugehen, ohne das überschüssige Pigment gründlich abzupolieren. Wenn Sie das Finish auf loses Pigment auftragen, wird die gesamte Beschichtung schmieren und auf Kleidung abfärben.
Schritt 6: Wiederherstellung der Elastizität (Pflegen)
Ihre Jacke hat jetzt eine neue Farbe, fühlt sich aber an wie steife Pappe. Sie müssen die Fasern nähren. Tragen Sie eine Schicht reichhaltigen Lederbalsams auf Ihre Hände oder ein weiches Tuch auf und massieren Sie ihn in das Leder ein. Arbeiten Sie abschnittsweise und reiben Sie den Balsam sorgfältig ein, insbesondere an den Stellen, die Biegungen ausgesetzt sind (Ellbogen, Schultern). Lassen Sie die Jacke einige Stunden ruhen, damit Wachs und Öle tief eindringen können.
Worauf Sie achten sollten: Tragen Sie keine dicke Schicht auf einmal auf. Es ist besser, zwei dünne Schichten im Abstand von einigen Stunden aufzutragen, als die Narbenseite mit Fett zu überschwemmen, das nicht einziehen kann.
Typischer Fehler: Den Balsam zu früh aufzutragen, wenn die Farbe noch nicht vollständig verdunstet ist. Dies führt zum Verschmieren der Farbe und zur Bildung einer klebrigen Masse.
Schritt 7: Versiegeln der Farbe und Finish
Der letzte Schritt ist das Auftragen einer Schutzschicht. Fiebing's Resolene ist ein Acryl-Finish, das man am besten im Verhältnis 1:1 mit destilliertem Wasser verdünnt. Verwenden Sie einen sauberen, leicht feuchten Schwamm. Nehmen Sie eine kleine Menge der Lösung auf und tragen Sie sie mit schnellen, unidirektionalen Zügen auf die Jacke auf. Die Beschichtung kann anfangs leicht bläulich oder schaumig erscheinen, wird aber nach dem Trocknen vollständig transparent.
Worauf Sie achten sollten: Tragen Sie Resolene sehr dünn auf. Es ist keine Deckfarbe. Eine zu dicke Acrylschicht wird nach dem Trocknen reißen und abblättern wie altes Klebeband.
Typischer Fehler: Wiederholtes Nachbessern des noch feuchten Finishs mit dem Schwamm. Resolene trocknet sehr schnell, und das Reiben auf dem antrocknenden Acryl erzeugt hässliche, matte Schlieren, die sich nicht mehr auspolieren lassen.
Die häufigsten Fehler
Der Prozess des Färbens einer großen Fläche verzeiht keine Abkürzungen. Hier sind die Fallen, in die Anfänger am häufigsten tappen:
1. Der Versuch, Wildleder mit einer normalen penetrierenden Farbe zu färben. Viele Leute versuchen, Wildlederjacken mit denselben Mitteln wie für Glattleder zu färben. Das ist ein schwerwiegender Fehler. Wildleder und Nubuk haben eine völlig andere, offene Struktur. Die Verwendung einer alkoholbasierten Farbe (wie Pro Dye) darauf verklebt die feinen Fasern und verwandelt das weiche Material in eine harte, raue Kruste. Für solche Materialien gibt es ausschließlich spezielle Wildlederfarben.
2. Sparen bei den Chemikalien. Der Versuch, Leder mit Hausmitteln zu färben (z. B. mit Plakatfarben, Holzbeize oder Markern), ist ein häufiger Fehler. Leder ist ein organisches Material, das atmen und arbeiten muss. Hausgemachte Mixturen bilden eine steife Schicht auf der Oberfläche, die beim ersten Tragen im Freien reißt und in Stücken abblättert, wodurch die Narbenseite dauerhaft beschädigt wird.
3. Mangelnde Geduld beim Trocknen. Das Auftragen des Finishs auf eine nicht vollständig getrocknete Jacke führt zu einer Katastrophe. Die Feuchtigkeit der Farbe wird unter der Acrylschicht eingeschlossen, was zur Bildung von Blasen und Abplatzungen führt.
4. Zu starkes Tränken des Schwamms. Der Versuch, eine große Fläche schnell zu bedecken, indem man eine große Menge Farbe auf den Schwamm gibt, endet in Laufnasen. Die Flüssigkeit fließt unkontrolliert nach unten und bildet dunkle Streifen, die sich nicht mehr aufhellen lassen.
Was kommt als Nächstes?
Wenn Sie die Kunst des Färbens großer Flächen beherrschen, werden kleinere Projekte zur reinen Formsache. Die Technik, die Sie gerade gelernt haben, ist ein universeller Prozess. Mit der gewonnenen Erfahrung können Sie sich an der Restaurierung anderer Ledergegenstände versuchen, wobei Sie nur daran denken müssen, die Größe der Applikatoren entsprechend anzupassen.
Wenn Sie mit rohem, pflanzlich gegerbtem Leder arbeiten, könnte der nächste Schritt in Ihrer Werkstattentwicklung das Erlernen des Schattierens und Patinierens sein. Anstatt eine einheitliche Farbe auf die gesamte Jacke aufzutragen, können Sie einen Airbrush oder die Trockenpinseltechnik verwenden, um Kanten, Nähte und Bereiche natürlicher Falten abzudunkeln und dem neuen Stück das Aussehen eines edel gealterten Vintage-Kleidungsstücks zu verleihen. Denken Sie daran, dass sich jede Lederhaut etwas anders verhält. Testen Sie immer, ohne Ausnahme, den gesamten Prozess – vom Entfetten bis zum Finish – an einem Reststück des Materials aus demselben Projekt, bevor Sie den ersten Tropfen Farbe auf die fertige Jacke auftragen.







