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Pflanzlich gegerbtes Leder oder chromgegerbtes Leder für das Portemonnaie? Ein Vergleich
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Pflanzlich gegerbtes Leder oder chromgegerbtes Leder für das Portemonnaie? Ein Vergleich

Die Anfertigung des ersten Portemonnaies ist ein echter Präzisionstest für jeden angehenden Handwerker. Doch bevor du zu Messer und Locheisen greifst, musst du die wichtigste Materialentscheidung treffen. Die Frage, welches Leder sich am besten für ein Portemonnaie eignet, höre ich in der Werkstatt fast täglich. Die Antwort läuft auf die Wahl zwischen zwei Hauptmaterialfamilien hinaus: rohem, pflanzlich gegerbtem Leder und chromgegerbtem (oder industriell vorgefärbtem) Leder. Sie unterscheiden sich drastisch in Bezug auf Verarbeitung, Verhalten im Laufe der Zeit und die Techniken, die zu ihrer Veredelung erforderlich sind. Dieser Leitfaden hilft dir, diese Unterschiede zu verstehen, kostspielige Fehler zu vermeiden und das passende Material für dein Projekt auszuwählen. Egal, ob du ein massives Biker-Portemonnaie oder ein dünnes, elegantes Kartenetui planst, der Schlüssel liegt in der bewussten Wahl der Gerbart und der Dicke.

Vergleichstabelle: Pflanzliches vs. Chromgegerbtes Leder für Portemonnaies

Merkmal Pflanzlich gegerbtes Leder (roh) Chromgegerbtes Leder (und vorgefärbte Leder)
Oberflächenbeschaffenheit Offenporig, saugfähig, roh. Reagiert auf Wasser und Licht. Geschlossenporig, industriell gefinisht, feuchtigkeitsbeständig.
Erforderliche Stärke (außen) 1,2 mm – 1,5 mm (bis zu 2,5 mm bei Prägungen). 1,0 mm – 1,5 mm.
Erforderliche Stärke (innen) 0,8 mm – 1,0 mm. 0,8 mm – 1,0 mm.
Kantenbearbeitung Tokonole + Kantenpolierholz (Wood Slicker). Ausschließlich Kantenfarbe.
Färben der Narbenseite Ja, nimmt wasser- und alkoholbasierte Farben hervorragend auf. Nein, die Narbenseite ist bereits versiegelt und nimmt keine Farbe an.
Prägen von Mustern Ja, erfordert aber eine Mindeststärke von 2,0 mm. Nein, das Leder behält die eingeprägte Form nicht bei.
Patina-Bildung Dunkelt in der Sonne schnell nach, entwickelt eine tiefe Farbe. Die Farbe bleibt über Jahre stabil, altert langsamer.
Steifigkeit In der Regel steif, hält die Form des Portemonnaies gut. Weich, flexibel, erfordert eine präzise Planung der Schichten.
Schwierigkeitsgrad für Anfänger Niedrig (verzeiht Fehler bei der Kantenbearbeitung). Mittel (erfordert das Erlernen des Kantenfärbens).

Pflanzlich gegerbtes Leder – wann sollte man es wählen?

Rohes, pflanzlich gegerbtes Leder verhält sich in den Händen eines Täschers wie eine leere Leinwand. Sein Herstellungsprozess basiert auf natürlichen Gerbstoffen aus Baumrinden, was ihm seine spezifischen Eigenschaften verleiht. Die Narbenseite eines solchen Leders ist offenporig und saugfähig. Wenn man einen Wassertropfen darauf fallen lässt, zieht er sofort ein und hinterlässt einen dunkleren Fleck. Genau diese Offenheit macht pflanzliches Leder bei denjenigen so beliebt, die ihre Produkte vollständig personalisieren möchten.

Wenn du dieses Material für ein Portemonnaie wählst, erhältst du die volle Kontrolle über das endgültige Aussehen. Du kannst alkoholbasierte Farben (z. B. Fiebing's Pro Dye) verwenden, um ihm eine tiefe, gleichmäßige Farbe zu verleihen, oder Wasserfarben für kunstvolle Schattierungen. Darüber hinaus ermöglicht nur pflanzlich gegerbtes Leder die Kantenbearbeitung mit Tokonole und einem Kantenpolierholz (Wood Slicker). Die natürlichen Gerbstoffe reagieren mit Tokonole und ermöglichen es, eine perfekt glatte, glänzende Kante ohne den Einsatz von deckenden Farben zu erzielen. Es genügt, einen Kantenhobel der Größe #1 zu verwenden, die scharfen Kanten abzuschrägen, Tokonole aufzutragen und kräftig zu polieren.

Die Steifigkeit von pflanzlichem Leder ist ein weiterer Vorteil bei der Herstellung von Portemonnaies. Selbst bei geringeren Stärken behält dieses Material seine Form hervorragend bei. Wenn du die Schichten mit der klassischen Handnaht (Sattlernaht) und gewachstem Polyestergarn von Slam nähst, dehnen sich die mit einem Nahtlocheisen mit 4 mm Abstand gestanzten Löcher nicht, und die Naht liegt gleichmäßig und fest. Pflanzliches Leder entwickelt mit der Zeit eine wunderschöne Patina – es dunkelt durch Sonneneinstrahlung und die natürlichen Öle der Hände nach, wodurch das Portemonnaie mit Klasse altert und einen einzigartigen Charakter erhält.

Szenario für Anfänger: Du planst, dein erstes einfaches Kartenetui (Cardholder) zu nähen. Du wählst rohes, pflanzlich gegerbtes Leder mit einer Stärke von 1,5 mm. Du schneidest die Teile zu, färbst sie braun und versiegelst sie mit einem Finish. Du klebst die Schichten zusammen, stichst die Löcher mit dem Nahtlocheisen und nähst sie dann. Die Kanten schrägst du mit dem Kantenhobel ab und polierst sie mit Tokonole. Der gesamte Prozess ist kontrollierbar, und das Leder lässt sich in jeder Phase gut verarbeiten.

Häufige Fehler und wie man sie vermeidet:

  • Zu dickes Leder für den Innenbereich: Das ist der häufigste Fehler. Wenn du ein klassisches Bifold (ein mittig faltbares Portemonnaie) baust und für alle Schichten 1,5 mm dickes Leder verwendest, wirst du bei sechs Kartenfächern an den Rändern eine Dicke von fast einem Zentimeter erreichen. Ein solches Portemonnaie sieht aus wie ein Ziegelstein. Verwende für die Außenseite eine Stärke von 1,5 mm, aber für die inneren Fächer solltest du unbedingt Leder mit einer Stärke von 0,8 mm – 1,0 mm suchen.
  • Versuch, dünnes Leder zu prägen: Du möchtest Initialen oder ein Muster auf eine Tasche des Portemonnaies prägen. Du schlägst mit dem Punziereisen auf 1,0 mm dickes Leder und... durchschlägst es oder verformst es stark. Das Prägen braucht „Fleisch“. Zum Punzieren eignet sich ausschließlich pflanzlich gegerbtes Leder mit einer Stärke von über 2,0 mm. Wenn du ein Muster möchtest, plane es auf einem dicken, äußeren Teil eines Biker-Portemonnaies ein, nicht auf einem dünnen, eleganten Bifold.
  • Fehlende Versiegelung der Narbenseite: Pflanzlich gegerbtes Leder saugt alles auf. Wenn du nach dem Färben keine Schutzschicht (z. B. Wachs oder ein Acryl-Finish) aufträgst, wird der erste Regen oder Handschweiß dauerhafte, unschöne Flecken auf dem Portemonnaie hinterlassen.

Chromgegerbtes und vorgefärbtes Leder – wann sollte man es wählen?

Ganz anders sieht die Arbeit aus, wenn chromgegerbtes Leder oder Leder mit einem fertigen, industriellen Finish auf den Tisch kommt (selbst wenn es, wie unser Flaggschiff-Leder Maya, eine Beimischung pflanzlicher Gerbstoffe enthält). Diese Materialien haben eine geschlossene Narbenseite. Sie sind feuchtigkeitsbeständig, ändern ihre Farbe unter Sonneneinstrahlung nicht drastisch und sind sofort nach dem Zuschneiden einsatzbereit. Du musst sie nicht färben oder versiegeln – das hat die Fabrik bereits für dich erledigt.

Diese Lederarten sind in der Regel deutlich weicher und flexibler als rohes, pflanzlich gegerbtes Leder. Dies erfordert eine andere Strategie beim Aufbau des Portemonnaies. Oft werden hier innere Verstärkungen oder Futterstoffe verwendet. Auch das Nähen erfordert Übung, da sich weiches Leder beim Anziehen des Fadens zusammenziehen kann. Für solch elegante, dünne Projekte eignen sich dichtere Nahtlocheisen (z. B. mit 3 mm Abstand) und ein dünneres, glattes Garn wie das Polyestergarn Vinymo MBT.

Der größte Unterschied liegt jedoch bei den Kanten. Chromgegerbtes und industriell gefinishtes Leder lässt sich nicht mit Tokonole polieren. Die Chromverbindungen und industriellen Wachse blockieren die Reaktion, die das Verkleben der Fasern ermöglicht. Der Versuch, eine solche Kante mit einem Polierholz zu bearbeiten, endet in einer unansehnlichen, faserigen „Bürste“. Die einzig korrekte Methode zur Veredelung der Kanten bei solchen Portemonnaies ist das Auftragen von Kantenfarbe. Dies erfordert das Glätten der Kanten mit Schleifpapier und das Auftragen mehrerer dünner Schichten Kantenfarbe mit Zwischenschliff, bis eine glatte, gleichmäßige, gummiartige Linie entsteht.

Szenario für Fortgeschrittene: Du fertigst ein luxuriöses, dünnes Anzug-Portemonnaie an. Du wählst ein vorgefärbtes Leder in einem tiefen Marineblau mit einer Stärke von 1,2 mm für außen und 0,8 mm für innen. Das Leder hat eine schöne, genarbte Textur. Du schneidest die Teile zu und schärfst die Kanten sorgfältig aus (Skiving), um Verdickungen an den Falzen zu vermeiden. Nach dem Nähen mit einem kontrastfarbenen Faden beginnst du den mühsamen Prozess des Färbens der Kanten mit schwarzer Kantenfarbe. Das Portemonnaie sieht sehr modern und elegant aus, und seine Farbe wird sich über Jahre nicht verändern.

Häufige Fehler und wie man sie vermeidet:

  • Versuch, die Narbenseite nachzufärben: Du hast ein fertiges, braunes Leder gekauft, entscheidest dich aber, es mit schwarzer Alkoholfarbe nachzudunkeln. Die Farbe dringt nicht in die Struktur ein, sondern trocknet auf der Oberfläche als klebrige, schmierende Masse an. Vorgefärbte Leder haben geschlossene Poren. Sie nehmen keine zusätzlichen Farben oder Wachse an. Du kannst lediglich ihre Kanten bearbeiten.
  • Verwendung von Tokonole bei Chromleder: Wie oben erwähnt, ist das ein Weg, der nirgendwo hinführt. Wenn du mit chromgegerbtem Leder arbeitest, musst du die Notwendigkeit akzeptieren, das Kantenfärben zu erlernen.
  • Zu starkes Anziehen des Fadens: Weiches Chromleder gibt leicht nach. Wenn du beim Nähen mit der Handnaht den Faden mit aller Kraft ziehst, wird sich die Kante des Portemonnaies wellen und ihre gerade Linie verlieren. Die Naht sollte mit Gefühl angezogen werden, sodass der Faden nur leicht in das Material einsinkt.

Fazit: Was solltest du letztendlich für dein Projekt wählen?

Die Entscheidung, welches Leder für ein Portemonnaie am besten geeignet ist, hängt zu hundert Prozent davon ab, was und wie du es erreichen möchtest. Es gibt keine falschen Entscheidungen, nur Materialien, die nicht zur Technik passen.

Wähle rohes, pflanzlich gegerbtes Leder, wenn:

  • Du Anfänger bist und die Grundlagen des Handwerks erlernen möchtest: einfaches Kantenpolieren, Färben und die Kontrolle über das Material.
  • Du ein klassisches, robustes Portemonnaie (z. B. ein Bifold mit dickem Garn) planst, das eine schöne Patina entwickeln und mit seinem Besitzer altern soll.
  • Du Muster mit Punziereisen in das Leder prägen oder sie mit einem Swivel Knife schneiden möchtest. Denk nur daran, für das zu prägende Element eine Mindeststärke von 2,0 mm zu verwenden.

Wähle chromgegerbtes oder vorgefärbtes Leder, wenn:

  • Dir eine wiederholbare, industrielle Farbe und Textur wichtig ist, die im Laufe der Jahre nicht nachdunkelt.
  • Du ein elegantes, weiches Anzug-Portemonnaie nähen möchtest, das sich vom ersten Tag an bequem in der Tasche anfühlt.
  • Du die Technik des Kantenfärbens mit Acrylfarbe bereits beherrschst (oder erlernen möchtest), da dies die einzige Möglichkeit ist, die Kanten dieses Materials zu versiegeln.

Und was ist mit anderen Projekten? Manchmal fragt ihr, welches Leder sich am besten für eine Jacke eignet, und versucht dabei, das Wissen von Portemonnaies auf Kleidung zu übertragen. Hier gelten völlig andere Regeln. Für Kleidung wählen wir sehr dünnes (0,6 mm – 0,8 mm), extrem weiches Schaf- oder Ziegenleder, das ausschließlich chromgegerbt ist, damit das Material „fließt“ und sich dem Körper anpasst. Das Leder, aus dem wir Portemonnaies herstellen – selbst das weiche – wäre für eine Jacke einfach zu steif und würde an eine Rüstung erinnern.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Halte dich beim Bau von Portemonnaies an einen Stärkenbereich von 0,8 mm (innen) bis 1,5 mm (außen). Wenn du gerade erst deine Werkzeuge und Chemikalien zusammenstellst, beginne mit pflanzlich gegerbtem Leder – es wird dir am meisten Lernfreude bereiten und viele Fehler an den Kanten verzeihen.

Produkte in unserem Shop

Alle Materialien, die du zur Herstellung eines langlebigen und ästhetischen Portemonnaies benötigst, findest du in den passenden Stärken und Ausführungen in unserem Shop.

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