Arbeiten mit Leder ist ein Handwerk, das Geduld, Präzision und Respekt vor dem Material lehrt. Als angehender Lederhandwerker stehst du vor einem Meer an Möglichkeiten, aber auch vor einem Dickicht an Stolperfallen. Verschiedene Gerbverfahren, Hunderte Werkzeuge mit seltsam klingenden Namen und Chemie für spezielle Anwendungen können anfangs überwältigend sein. Dieser Leitfaden soll dein Wissen ordnen. Du findest hier weder Marketingversprechen noch das Versprechen, nach einem Tag eine komplizierte Tasche zu nähen. Dafür findest du solide Fakten, bewährte Techniken und konkrete Parameter, mit denen du ein stabiles Fundament für deine Lederwerkstatt aufbauen kannst.
Im Überblick:
- Die Wahl des Leders ist entscheidend: Für den Einstieg ist pflanzlich gegerbtes Leder mit einer Stärke von 1,5 mm optimal.
- Du brauchst keine Nähmaschine. Die traditionelle Handnaht (Sattlernaht) ist deutlich stärker und langlebiger.
- Investiere statt in billige „100-in-1“-Sets lieber in einige wenige, aber qualitativ gute Werkzeuge.
- Die Kantenverarbeitung ist die Visitenkarte des Lederhandwerkers – sie erfordert die richtige Chemie (Tokonole) und Geduld.
- Das erste Projekt sollte einfach sein. Ein Kartenetui lässt dich Schneiden, Kleben, Nähen und Kantenverarbeitung üben.
Inhaltsverzeichnis
Leder – wie wählst du das richtige Material für den Einstieg?
Das Material zu verstehen, ist der erste und wichtigste Schritt im Lederhandwerk. Naturleder ist nicht homogen. Seine Eigenschaften hängen vor allem vom Gerbverfahren und von der Stärke ab. Für Lederhandwerker wird die Stärke immer in Millimetern angegeben (zum Beispiel 1,5 mm, 2,0 mm). Orientiere dich niemals am Flächengewicht (g/m²), denn dieser Parameter wird in der Textilindustrie verwendet und sagt bei Leder nichts über seine Festigkeit oder Struktur aus.
Die grundlegende Einteilung umfasst pflanzlich und chromgegerbte Leder. Pflanzlich gegerbtes Leder, häufig auch als Veg-Tan bezeichnet, ist das absolute Fundament des traditionellen Handwerks. Bei seiner Herstellung werden natürliche Gerbstoffe aus Baumrinde verwendet. Dieses Leder nimmt Wasser auf und lässt sich dadurch nassformen. Es kann mit penetrierender Lederfarbe gefärbt werden, und seine Kanten lassen sich schön glatt polieren. Außerdem reift pflanzlich gegerbtes Leder mit der Zeit – es wird in der Sonne dunkler und entwickelt eine edle Patina. Wenn du Leder prägen oder punzieren möchtest, musst du pflanzlich gegerbtes Leder mit einer Stärke von mindestens 2,0 mm verwenden. Dünneres Leder hält die Tiefe der Prägung nicht, und Schläge mit dem Schlägel durchdringen oder dehnen es einfach zu stark.
Auf der anderen Seite stehen chromgegerbte Leder. Sie sind meist weicher, elastischer und wasserbeständiger. Das liegt an der Verwendung von Chromsalzen im Gerbprozess. Chromgegerbte Leder eignen sich hervorragend für weiche Taschen, Kleidung oder Polster. Im klassischen Lederhandwerk haben sie jedoch ihre Grenzen. Sie nehmen Lederfarben und Wachse nicht wie pflanzlich gegerbtes Leder auf, und eine Prägung ist nicht möglich – nach dem Schlag mit dem Stempel kehrt das Leder sofort in seine ursprüngliche Form zurück. Außerdem lassen sich die Kanten von chromgegerbtem Leder durch Reibung nur sehr schlecht verarbeiten; normalerweise braucht man dafür spezielle Kantenfarben.
Eine eigene Kategorie sind Leder, die in der Gerberei bereits fertig veredelt und gefärbt wurden. Das Flaggschiffleder unseres Shops, Maya, ist ein hervorragendes Beispiel für ein Material, das direkt nach dem Auspacken einsatzbereit ist. Farbige Leder mit bereits werkseitig veredeltem Narben nehmen keine zusätzlichen Lederfarben oder Wachse auf. Der Versuch, darauf penetrierende Lederfarbe aufzutragen, endet mit einer klebrigen, abfärbenden Schicht auf der Oberfläche. Bei solchen Ledern beschränkt sich deine Arbeit auf Schneiden, Nähen und Kantenverarbeitung.
Für Anfänger ist pflanzlich gegerbtes Leder mit einer Stärke von 1,2 mm bis 1,5 mm die optimale Wahl für das erste Projekt (zum Beispiel ein Portemonnaie oder Etui). Es ist ausreichend fest, um die Form zu halten, aber dünn genug, damit mehrere vernähte Schichten keinen unhandlichen Klumpen bilden. Wenn du einen Gürtelriemen planst, solltest du eine Stärke von 3,5 mm bis 4,0 mm wählen.
Grundlegendes Lederwerkzeug – was solltest du kaufen und was lieber nicht?
Beim Zusammenstellen der Werkstatt ist die Versuchung groß, riesige, billige Sets von beliebten Auktionsportalen zu kaufen. Das ist ein Fehler, der sich beim Arbeiten schnell durch Frust rächt. Stumpfe Werkzeuge beschädigen das Material, und schlecht geformte Prickeisen bleiben im Leder stecken. Kaufe lieber fünf solide Werkzeuge als fünfzig nutzlose Gadgets.
Zum Schneiden von Leder reicht am Anfang ein gutes Segmentmesser (zum Beispiel von Olfa) mit einer scharfen Klinge. Wichtig ist, es senkrecht zur Schneidfläche zu führen und ein Metalllineal als Führung zu verwenden. Sobald du die Grundlagen beherrschst, kannst du zum Kopfmesser (Halbmondmesser) greifen. Es erfordert mehr Technik, ermöglicht aber besonders flüssige Kurvenschnitte und präzises Ausdünnen der Kanten. Zum Ausschneiden von Mustern in pflanzlich gegerbtem Leder beim Punzieren dient ein Swivel Knife.
Ein zentraler Bestandteil der Werkstatt sind Prickeisen. Sie dienen dazu, gleichmäßige Nahtlöcher herzustellen. Es gibt sie mit verschiedenen Abständen, am häufigsten 3 mm, 4 mm, 5 mm und 6 mm. Abstände von 3 mm und 4 mm werden für kleine Lederwaren wie Uhrenarmbänder oder dünne Portemonnaies verwendet. Abstände von 5 mm und 6 mm eignen sich für dickere Projekte: Gürtelriemen, Taschen und Messerscheiden. Für Prickeisen brauchst du einen passenden Schlägel. Verwende ausschließlich Polymerhammer, Nylonhammer oder Schlägel aus Rohhaut. Schläge mit einem Metallhammer auf Stahlwerkzeuge führen zu deren „Aufpilzen“ und schneller Beschädigung. Wenn deine Prickeisen nach Monaten der Arbeit beschädigt oder stumpf werden, denk daran, dass sich viele davon retten lassen. In solchen Fällen hilft eine professionelle Reparatur von Lederwerkzeug, die ihnen ihre werkseitige Schärfe und die Geometrie der Zähne zurückgibt.
Für die Kantenverarbeitung brauchst du unbedingt einen Kantenhobel, also einen Kantenhobel zum Anfasen. Seine Aufgabe ist es, die scharfe Ecke der Lederkante abzunehmen, ihr eine abgerundete Form zu geben und sie fürs Polieren vorzubereiten. Die Größen werden meist von #0 bis #4 angegeben. Für Anfänger sind besonders die Größen #1 und #2 vielseitig, passend für Leder mit einer Stärke von 1,5 mm bis 2,5 mm. Ein zu großer Kantenhobel würde dünnes Leder einfach ausreißen.
Das letzte Element des Grundsets ist der Creaser zum Anbringen von Zierlinien entlang der Kante sowie ein Wood Slicker – ein Kantenglätter aus Holz, meist aus hartem Holz gefertigt und mit Rillen verschiedener Breite. Diese Werkzeuge sind zwar einfach aufgebaut, erfordern aber Präzision bei der Anwendung und regelmäßige Pflege ihrer Glätte.
Chemie fürs Lederhandwerk – Lederfarben, Finishes und Kleber
Die Chemie im Lederhandwerk ist ein weites Thema, aber für den Anfang genügt es, einige grundlegende Produktkategorien zu verstehen. Das falsche Mittel in der falschen Arbeitsphase kann ein Projekt leicht ruinieren.
Beginnen wir mit dem Färben. Wenn du auf rohem pflanzlich gegerbtem Leder arbeitest und ihm Farbe geben möchtest, brauchst du penetrierende Lederfarbe. Die Marke Fiebing's ist in diesem Bereich ein Marktstandard. Ihre Pro-Dye-Linie basiert auf Alkohol und Ölen, wodurch das Pigment tief in die Lederstruktur eindringt, ohne das Leder übermäßig auszutrocknen. Eine Alternative sind wasserbasierte Lederfarben wie die Eco-Flo-Serie. Sie entwickeln keine starken Dämpfe, dringen aber möglicherweise etwas weniger gut in sehr dichtes Leder ein. Denk daran, Lederfarben gleichmäßig aufzutragen, zum Beispiel mit einem Schwamm oder einem speziellen Wollpinsel, und dabei kreisende Bewegungen auszuführen.
Nach dem Färben des Leders oder beim Punzieren von Mustern werden häufig Produkte wie Antik-Finish verwendet, ebenfalls von Fiebing's. Das sind dicke Pasten, die in die Lederoberfläche eingerieben und anschließend abgewischt werden. Die Paste bleibt in Vertiefungen und Schnitten zurück und dunkelt sie stark ab, wodurch die Dreidimensionalität des geprägten Musters hervorragend betont wird.
Ein weiteres äußerst wichtiges Mittel ist Tokonole. Dieses japanische Produkt auf Wasserbasis und mit natürlichen Wachsen dient der Kantenverarbeitung und der Fleischseite, also der linken, faserigen Lederseite. Tokonole ist kein Imprägniermittel für den Narben, dient nicht zum Glänzen der gesamten Portemonnaieoberfläche und schützt nicht vor Regen. Seine Aufgabe besteht darin, lose Lederfasern durch Reibung zu verkleben und zu glätten. Es wird punktuell verwendet. Auf der Fleischseite wird es dünn verteilt und mit einer Glasplatte geglättet, an den Kanten wird es mit einem Kantenglätter aus Holz oder einem Stück Stoff eingerieben.
Beim Nähen sind Kleber unverzichtbar. Bevor du mit dem Prickeisen Nahtlöcher herstellst, müssen die Lederschichten dauerhaft miteinander verbunden sein. Im Lederhandwerk verwendet man Kontaktkleber. Das können starke lösemittelhaltige Kleber sein, die eine gute Belüftung erfordern, oder moderne wasserbasierte Kleber wie Renia Aquilim. Trage den Kleber dünn auf beide zu verbindenden Flächen auf, warte, bis er getrocknet und transparent geworden ist, und drücke die Schichten anschließend kräftig zusammen. Schütze wasserbasierte Produkte wie Tokonole, Eco-Flo und Aquilim außerdem vor Frost in der Werkstatt – Minustemperaturen können ihre Eigenschaften dauerhaft zerstören.
Garn und Nähtechnik – die Sattlernaht in der Praxis
Handnähen ist das Herz des traditionellen Lederhandwerks. Nähmaschinen sind zwar schnell, aber keine Maschinennaht erreicht die Haltbarkeit einer korrekt ausgeführten Sattlernaht. Das liegt an der Mechanik der Fadenverflechtung. Bei der Maschine bilden Ober- und Unterfaden lediglich Schlaufen im Material. Wenn ein Faden reißt, beginnt die gesamte Naht aufzutrennen. Bei der Sattlernaht verwenden wir einen langen Faden und zwei Nadeln, die sich in jedem Nahtloch kreuzen. Wenn der Faden an einer Stelle durchscheuert, hält der Rest der Naht fest, weil jede Schlaufe ein unabhängiger Knoten ist.
Zum Nähen von Leder verwenden wir ausschließlich stumpfe Ledernadeln. Die Nahtlöcher wurden bereits mit Prickeisen hergestellt, daher würde eine spitze Nadel nur stören, das Leder verletzen oder den Faden innerhalb des Nahtlochs durchstechen. Als Goldstandard gelten Ledernadeln der Marke John James.
Die Wahl des Garns hängt von der Optik und der Stärke des Projekts ab. Slam-Garn ist flaches, gewachstes Polyestergarn. Sein flaches Profil liegt schön in den Nahtlöchern und sorgt für eine gleichmäßige, ästhetische Optik. Vinymo MBT ist dagegen rundes Polyestergarn. Es ist nicht verklebt, verhindert durch seine spezielle Flechtung aber ein Aufspalten beim Nähen. Es fühlt sich dicker an und eignet sich hervorragend für Projekte mit einer markanten Naht. Um das Durchziehen des Garns durch enge Nahtlöcher zu erleichtern und Scheuern zu reduzieren, kann ein Garnwachs verwendet werden. Die polnische Marke Pruciak bietet hervorragende Wachse und Schmiermittel, die das Nähen deutlich angenehmer machen.
Das Nähen selbst erfordert Rhythmus und Wiederholbarkeit. Die Garnlänge sollte ungefähr das Vierfache der geplanten Nahtlänge betragen, zuzüglich einer Zugabe für die Nadeln. Die Nadeln kreuzen sich im Nahtloch. Entscheidend für eine schöne, schräge Naht, wie sie für diamantförmige und französische Prickeisen typisch ist, sind das richtige Werfen des Fadens und eine gleichmäßige Spannung beim Anziehen. Zu starkes Anziehen verzieht dünnes Leder, zu schwaches Anziehen lässt lose Schlaufen zurück.
Kantenverarbeitung – das Geheimnis einer professionellen Optik
An den Kanten erkennt man leicht das Niveau eines Lederhandwerkers. Eine rohe, ausgefranste Kante lässt selbst hochwertiges Leder billig aussehen. Die Kantenverarbeitung ist ein mehrstufiger Prozess, der Präzision und Verständnis für die Mechanik der Lederfasern erfordert.
Der erste Schritt ist das Egalisieren der Kante. Nach dem Kleben und Vernähen zweier Lederschichten sind sie nur selten vollständig bündig. Der Versatz muss mit Schleifpapier oder einem speziellen Schleifblock entfernt werden. Beginne mit Körnung 220, um überschüssiges Material abzutragen, und arbeite dich bis Körnung 400 vor. Die Kante muss sich völlig eben und gleichmäßig anfühlen.
Als Nächstes kommt der Kantenhobel zum Einsatz. Führe das Werkzeug in einem gleichmäßigen Winkel entlang der Kante und nimm die scharfe Ecke auf beiden Seiten ab – auf der Narbenseite und auf der Fleischseite. Dadurch erhält die Kante ein sanftes Bogenprofil. Das verhindert, dass die Kante beim Gebrauch des Portemonnaies oder Gürtelriemens später „aufpilzt“. Wähle die Größe des Kantenhobels passend zur Lederstärke. Die Größe #1 oder #2 ist für Schichten mit einer Gesamtstärke von 3 mm bis 4 mm geeignet.
Jetzt kommt die Chemie ins Spiel. Trage eine kleine Menge Tokonole auf die vorbereitete Kante auf. Du kannst dafür den Finger oder einen kleinen Applikator verwenden. Achte darauf, den Narben nicht zu überfluten, denn Tokonole hinterlässt nach dem Trocknen eine sichtbare Spur, die sich nur schwer entfernen lässt. Sobald das Mittel leicht eingezogen ist, nimmst du den Kantenglätter und beginnst, die Kante in der passenden Rille zu reiben. Dabei geht es nicht um starken Druck, sondern um Geschwindigkeit. Die Reibung erzeugt Wärme, aktiviert die in Tokonole enthaltenen Wachse und verbindet die Lederfasern zu einer glatten, glasartigen Oberfläche.
Für einen spiegelnden Glanz kannst du die Kante zum Schluss mit einem Stück grobem Stoff und etwas Bienenwachs abreiben. Denk jedoch daran, dass diese Burnishing-Technik auf pflanzlich gegerbtem Leder hervorragend funktioniert. Bei chromgegerbtem Leder bringt Reibung keinen Erfolg – dort werden die Kanten durch das Auftragen spezieller Kantenfarben und mehrfaches Schleifen veredelt.
Werkstattorganisation und Pflege der Ausrüstung
Lederhandwerk erfordert einen passend vorbereiteten Arbeitsplatz. Auch wenn du am Küchentisch beginnst, solltest du einige Elemente einplanen, die Möbel und Werkzeuge vor Beschädigungen schützen.
Grundlegend ist eine selbstheilende Schneidematte. Sie schützt die Klingen der Messer vor schnellem Abstumpfen. Leder direkt auf Holz oder Kunststoff zu schneiden, verkürzt die Lebensdauer des Messers. Zum Herstellen von Nahtlöchern reicht die Schneidematte jedoch nicht aus. Unter den Schlägen des Hammers federt sie, wodurch die Schlagkraft verteilt wird und das Prickeisen schwerer in das Leder eindringt. Deshalb legt man unter oder auf die Schneidematte eine schwere Steinplatte, idealerweise ein Stück glatten Granit. Granit nimmt Vibrationen auf, dämpft die Schläge und macht die Arbeit deutlich präziser. Auf den Granit kommt ein Stück dicker Gummi oder hartes Restleder, in das die Zähne des Prickeisens nach dem Durchstechen des Materials sicher eindringen können.
Auch die Beleuchtung ist entscheidend. Die Arbeit mit dem Creaser oder das präzise Führen des Messers entlang einer Linie erfordert starkes, gerichtetes Licht. Besonders praktisch ist eine Lampe mit beweglichem Arm, mit der du die Kante schräg ausleuchten kannst, um die Lederstruktur und mögliche Unebenheiten beim Schleifen sichtbar zu machen.
Die Pflege der Werkzeuge ist eine Gewohnheit, die du dir vom ersten Tag an angewöhnen solltest. Messer, Kantenhobel und Kopfmesser müssen regelmäßig auf einem Abziehleder mit Polierpaste abgezogen werden. Das ist kein Schärfen, sondern das Glätten der Schneidkante, also Honen, wodurch das Werkzeug in hervorragendem Zustand bleibt. Wenn du die Schneide beschädigst oder ein Prickeisen auf einen harten Boden fallen lässt und dabei seine Zähne verbiegst, hilft gewöhnliches Abziehen nicht. In solchen Fällen musst du das Werkzeug nicht sofort wegwerfen. Eine professionelle Reparatur von Lederwerkzeug kann beschädigte Kantenhobel oder Prickeisen retten und ihr Profil sowie ihre Schärfe wiederherstellen – langfristig ist das deutlich günstiger, als ständig neue Werkzeuge zu kaufen.
Die häufigsten Anfängerfehler und wie du sie vermeidest
Der Weg zur Meisterschaft ist mit Resten verschwendeten Leders gepflastert. Die meisten Anfänger machen dieselben Fehler, meist aus Eile oder weil sie das Material noch nicht verstehen.
Der erste und kostspielige Fehler ist die falsche Wahl des Leders für das Projekt. Der Versuch, ein steifes Bifold-Portemonnaie aus 2,5 mm starkem chromgegerbtem Leder zu nähen, endet in einem dicken, unhandlichen „Ziegel“, der sich nicht zusammenfalten lässt. Wähle die Stärke immer passend zur Funktion: 1,0–1,5 mm für Portemonnaie-Innenfächer, 2,0–2,5 mm für Notizbuchhüllen oder kleine Taschen und 3,5 mm oder mehr für Gürtelriemen.
Ein weiterer Fehler ist das Auftragen von Lederfarben auf bereits fertig veredelte Leder. Viele Anfänger kaufen ein schönes, fertiges Leder wie Maya und versuchen, Öl oder Fiebing's aufzutragen, um den Farbton zu verändern. Das Ergebnis ist eine klebrige, beschädigte Oberfläche, weil die Poren des Leders bereits durch das werkseitige Finish verschlossen sind. Penetrierende Lederfarbe wird nur auf rohes, natürliches pflanzlich gegerbtes Leder aufgetragen.
Die dritte Sünde ist Eile bei der Kantenverarbeitung. Tokonole auf eine unebene, nicht geschliffene Kante aufzutragen, verfehlt seinen Zweck. Das Mittel betont jede Unebenheit und jeden Schnittfehler. Vor dem Polieren muss die Kante völlig eben sein. Viele Anfänger überspringen außerdem das Anfasen mit dem Kantenhobel. Nach dem Auftragen von Tokonole weitet sich die Kante dadurch zu den Seiten aus und bildet einen unschönen Pilz.
Ein häufiges Problem ist auch eine ungleichmäßige Naht. Meist gibt es dafür zwei Gründe: ein instabiles Halten des Prickeisens – das Werkzeug muss beim Schlag genau senkrecht zum Leder stehen – und eine uneinheitliche Fadenspannung. Wenn du den Faden einmal mit aller Kraft anziehst und beim nächsten Nahtloch nur sanft, wird die Nahtlinie wellig. Wiederholbarkeit ist das Schlüsselwort.
Die häufigsten Fragen
Brauche ich eine Nähmaschine, um mit dem Nähen von Leder zu beginnen?
Nein. Traditionelles Lederhandwerk basiert auf der handgenähten Sattlernaht, die haltbarer als eine Maschinennaht ist. Eine Nähmaschine ist eine große Investition, während du beim Handnähen das Material besser kontrollierst und Präzision lernst.
Kann ich Tokonole auf den Narben auftragen, um das Leder vor Wasser zu schützen?
Nein. Tokonole dient der Kantenverarbeitung und der Fleischseite und wirkt, indem es die Fasern durch Reibung verklebt. Auf dem Narben hinterlässt es matte, klebrige Flecken. Für den Schutz des Narbens werden spezielle Balsame, Wachse oder Acryl-Finishes verwendet.
Welche Lederstärke sollte ich für einen Gürtelriemen verwenden?
Die optimale Stärke für einen stabilen Gürtelriemen beträgt 3,5 mm bis 4,0 mm. Das Leder muss pflanzlich gegerbt sein, damit es ausreichend fest bleibt und sich beim Tragen nicht übermäßig dehnt.
Ich habe schwarzes Leder gekauft. Kann ich es braun färben?
Werkseitig veredelte und gefärbte Leder lassen sich mit penetrierender Lederfarbe nicht in eine andere Farbe umfärben. Das Färben ist nur auf rohem pflanzlich gegerbtem Leder möglich, immer von einer helleren zu einer dunkleren Farbe.
Warum lässt sich mein Prickeisen nach dem Schlag nicht aus dem Leder ziehen?
Wahrscheinlich verwendest du zu dickes Material ohne passende Unterlage oder die Zähne des Prickeisens sind rau. Oft hilft es, das Prickeisen vor der Arbeit in ein Stück Bienenwachs zu drücken. Wenn die Zähne beschädigt sind, müssen sie poliert oder repariert werden.
Der Einstieg – dein erstes Projekt
Theorie ist wichtig, aber Lederhandwerk lernst du durch Praxis. Als erstes Projekt empfiehlt sich ein einfaches Kartenetui mit einem Fach. Es erfordert alle grundlegenden Techniken, ist aber klein genug, damit dich die Menge der Näharbeit nicht entmutigt.
Für das Etui brauchst du ein Lederstück mit einer Stärke von 1,5 mm – pflanzlich gegerbtes Leder oder fertiges Maya eignen sich hervorragend –, ein scharfes Segmentmesser, Kontaktkleber, Prickeisen mit einem Abstand von 4 mm, Slam-Garn, zwei Ledernadeln, einen Kantenhobel der Größe #1, Tokonole und einen Kantenglätter aus Holz.
Beginne damit, zwei Rechtecke mit den Maßen etwa 10 cm × 7 cm auszuschneiden. Schneide bei einem davon an der oberen Kante einen sanften Bogen aus – dadurch lassen sich die Karten leichter herausziehen. Bevor du beide Teile verklebst, musst du die oberen Kanten beider Elemente verarbeiten. Schleife sie, nimm die Ecken mit dem Kantenhobel ab, trage Tokonole auf und poliere sie. Sobald du die Teile verbunden hast, wird der Zugang zu diesen Kanten sehr schwierig.
Trage anschließend auf der Fleischseite beider Lederstücke eine dünne Kleberschicht auf drei Kanten auf – die Seiten und den unteren Rand. Warte, bis der Kleber getrocknet ist, und verbinde die Teile präzise. Zeichne eine Hilfslinie im Abstand von 3 mm zur Kante und beginne, entlang dieser Linie mit dem Prickeisen Nahtlöcher herzustellen. Denk daran, das Werkzeug senkrecht zu halten.
Als Nächstes kommt das Nähen. Miss das Garn ab – ungefähr die vierfache Nahtlänge –, fädle die Nadeln ein und nähe eine Sattlernaht. Am Anfang und am Ende der Naht setzt du eine doppelte Naht, den sogenannten Riegel, damit sich das Garn nicht auftrennt. Schneide das überschüssige Garn ab und versenge die Enden vorsichtig mit einem Feuerzeug, während du sie in das Nahtloch drückst.
Der letzte Schritt ist die Kantenverarbeitung der Außenkanten. Schleife die Unebenheiten mit Schleifpapier ab, bis die Lederschichten bündig sind. Verwende den Kantenhobel #1 auf beiden Seiten. Trage Tokonole auf und poliere die Kante energisch mit dem Kantenglätter aus Holz, bis sie glatt und glänzend wird. Dein erstes voll funktionsfähiges Lederprojekt ist fertig. Mit jedem weiteren Schnitt und jeder Naht werden deine Hände sicherer, und deine Werkstatt wächst um neue Fähigkeiten.







