Lederpflege bezeichnet spezielle Präparate auf Basis natürlicher Öle, Fette und Wachse, die in die Faserstruktur eindringen, die Elastizität wiederherstellen und vor Rissbildung schützen. In der Sattlerei werden diese Mittel in der Endphase eines Projekts oder bei der Restaurierung älterer Stücke eingesetzt, um die natürlichen Gleitstoffe zu ergänzen, die das Leder während der Verarbeitung, des Färbens oder der täglichen Nutzung verliert.
Eigenschaften
Um die Wirkung der Lederpflege zu verstehen, muss man die Struktur des Leders selbst betrachten. Naturleder besteht aus Millionen mikroskopisch kleiner Kollagenfasern, die miteinander verwoben sind. Im lebenden Organismus werden diese Fasern ständig mit Feuchtigkeit versorgt. Nach der Gerbung werden in den Gerbereien spezielle Fettemulsionen eingebracht, damit die Fasern ihre Elastizität behalten und sich nicht reibend zerstören. Mit der Zeit – durch Sonne, Wasser und vor allem durch Sattlerchemikalien – verdunsten diese natürlichen Gleitstoffe. Die Wirkung der Lederpflege ähnelt dem Auftragen einer reichhaltigen Feuchtigkeitscreme auf rissige Hände: Das Präparat dringt tief zwischen die Fasern ein, umhüllt sie mit einer gleitenden Schicht, macht die gesamte Struktur weicher und bildet eine Schutzbarriere gegen äußere Einflüsse.
Das entscheidende Merkmal der Lederpflege ist ihre unterschiedliche Zusammensetzung, die die Eindringtiefe bestimmt. Flüssige Präparate, die hauptsächlich auf Lederöl basieren, haben eine dünnflüssige Konsistenz und dringen sehr schnell in das pflanzlich gegerbte Leder ein. Pasten und Balsame hingegen, die Öle mit Bienenwachs oder Carnaubawachs kombinieren, dringen flacher ein, hinterlassen aber auf dem Narben eine dünne Schutzschicht, die nach dem Polieren einen satinierten Glanz ergibt und die Feuchtigkeitsbeständigkeit erhöht.
Es ist wichtig, die Reaktion der verschiedenen Lederarten auf diese Präparate klar zu unterscheiden. Pflanzlich gegerbtes Leder nimmt aufgrund seiner offenen Poren Lederpflege extrem schnell auf. Dies ist zwar erwünscht, führt aber zu einer dauerhaften Verdunkelung der Farbe – das Öl sättigt die Fasern und verändert die Lichtbrechung. Ganz anders verhalten sich chromgegerbtes Leder und bereits werksseitig fertiggestellte Leder (farbige Galanterieleder wie unser Flagschiff Maya). Sie haben eine geschlossene Narbenstruktur. Das Auftragen von Lederpflege auf eine solche Oberfläche ist zwecklos – das Präparat dringt nicht ein, sondern bleibt als klebriger, schmierender Film auf der Oberfläche zurück. Fertigfarbige Leder können nur mit einem weichen Tuch poliert werden; sie nehmen keine zusätzlichen Wachse oder Öle auf.
Anwendungen
Lederpflege hat sehr spezifische Verwendungszwecke, die vom Stadium der Sattlerarbeit und der Art des Projekts abhängen.
- Befeuchtung nach dem Färben: Dies ist die wichtigste Anwendung in der Sattlerwerkstatt. Alkoholbasierte Farben (z. B. Fiebing's Pro Dye) trocknen das Leder drastisch aus. Wenn Sie ein Portemonnaie-Teil aus pflanzlich gegerbtem Leder mit 1,5 mm Stärke färben und die Lederpflege auslassen, wird das Leder steif, brüchig und es treten mit der Zeit Mikrorisse an den Falten auf. Das Auftragen von Öl oder Balsam nach vollständiger Trocknung der Farbe stellt die verlorene Flexibilität der Fasern wieder her.
- Renovierung und Pflege alter Produkte: Dicke Gürtelriemen aus pflanzlich gegerbtem Leder (3 mm – 4 mm) verlieren im Laufe der Jahre Feuchtigkeit, werden steif und matt. Das Einreiben eines solchen ausgetrockneten Riemens mit Lederpflege kann den alten Glanz wiederherstellen und Rissen im Narben vorbeugen. Dieser Prozess braucht Zeit – das Präparat wird in dünnen Schichten aufgetragen und muss mehrere Stunden einziehen.
- Schutz vor Witterungseinflüssen: Produkte, die der Umwelt ausgesetzt sind – wie Messerscheiden, Holster oder Motorradtaschen – benötigen einen soliden Schutz. Hier kommen dicke Lederpflegeprodukte mit einem hohen Anteil an natürlichen Wachsen zum Einsatz. Pflanzlich gegerbtes Leder mit 3,5 mm Stärke wird nach dem Tränken mit einem solchen Balsam deutlich widerstandsfähiger gegen Regentropfen und Schlamm.
- Weichmachen von zu steifem Leder: Es kommt vor, dass ein gekauftes Stück pflanzlich gegerbtes Leder für ein bestimmtes Projekt zu hart ist – etwa für eine enge Biegung in einem Etui. Ein vorsichtiges Auftragen von Lederöl von der Fleischseite lockert die Fasern und erleichtert die Handhabung des Materials, wodurch das Risiko eines Narbenbruchs verringert wird.
- Pflege von Sattlerriemen und Lederschnüren: Riemen, die aus pflanzlich gegerbtem Leder geschnitten werden, sind hohen Spannungen ausgesetzt. Damit sie beim Binden oder Flechten nicht reißen, müssen sie ausreichend flexibel sein. Das Durchziehen des Riemens durch ein mit Lederpflege getränktes Tuch verlängert seine Lebensdauer erheblich und erleichtert die Arbeit.
- Regeneration nach dem Nassformen: Beim Nassformen (wet molding) wäscht Wasser einen Teil der natürlichen Öle aus. Nach dem vollständigen Trocknen des geformten Teils ist das Leder hart wie ein Brett. Die Anwendung eines guten Balsams stellt die richtige Griffigkeit wieder her, verhindert übermäßige Sprödigkeit und zerstört dabei nicht die gegebene Form.
Wie wählen
Die Wahl des richtigen Präparats hängt davon ab, welchen Effekt Sie erzielen möchten und mit welchem Material Sie arbeiten. Eine falsche Wahl oder Fehler bei der Anwendung können das Projekt dauerhaft ruinieren.
Für den Anfänger in der Sattlerei sind Balsame mit weicher Pastenkonsistenz die sicherste Option. Die Menge lässt sich beim Auftragen mit einem Baumwolltuch oder Schwamm leicht kontrollieren. Ein solcher Balsam dringt langsam ein, wodurch das Risiko einer zu dicken Schicht minimiert wird. Der Wachsanteil sorgt dafür, dass nach etwa 15 Minuten nach dem Auftragen lediglich ein Abreiben der Oberfläche mit einem sauberen Tuch erforderlich ist, um ein schönes, gleichmäßiges Finish zu erzielen.
Der fortgeschrittene Handwerker, der mit dicken Riemen aus pflanzlich gegerbtem Leder (über 3 mm) arbeitet, greift häufig zu reinen Ölen wie Lederöl. Dies erfordert jedoch Erfahrung. Das Öl dringt blitzschnell ein und verdunkelt das Leder stark. Es muss in sehr dünnen Schichten aufgetragen werden, wobei zwischen den Anwendungen bis zu 24 Stunden gewartet werden muss, damit das Präparat gleichmäßig im Inneren der Faserstruktur verteilt wird.
An dieser Stelle müssen häufige und sehr kostspielige Fehler besprochen werden. Der erste ist die „Überölung“ (over-conditioning). Wenn Sie zu viel flüssige Lederpflege auf dünnes Leder (z. B. 1,2 mm) auftragen, verliert es völlig seine Struktur, wird schwammig, schlaff und lässt sich nicht mehr versteifen. Überschüssiges Öl tritt zudem an die Oberfläche aus und macht das Auftragen eines Acryl-Finishs unmöglich.
Ein weiterer häufiger Fehler ist die Verwendung von Kantenpräparaten als Oberflächenpflege. Tokonole ist eine Chemikalie, die ausschließlich zur Kantenbearbeitung und zum Glätten der Fleischseite dient. Es ist kein Imprägniermittel, Wachs oder Pflege für den Narben. Das Auftragen von Tokonole auf die gesamte Oberfläche von pflanzlich gegerbtem Leder verklebt die Poren, erzeugt eine unnatürliche Kruste und verhindert die spätere Atmungsaktivität sowie die Aufnahme geeigneter Pflegepräparate. Farben von Fiebing's dienen der Farbgebung und haben ebenfalls keine pflegenden Eigenschaften – im Gegenteil, nach ihrer Anwendung benötigt das Leder unbedingt Befeuchtung.
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