Narbenspalt ist eine spezifische, die wertvollste Art von Echtleder und stellt dessen äußere Schicht dar. Der Begriff 'Echtleder' ist wesentlich weiter gefasst und schließt auch günstigere, innere Schichten wie Spaltleder mit ein. Jedes Narbenleder ist Echtleder, aber nicht jedes Echtleder ist auch ein Narbenleder.
Im handwerklichen und kommerziellen Sprachgebrauch werden die Begriffe 'Echtleder' und 'Narbenspalt' von Verbrauchern oft synonym verwendet, was zu vielen Missverständnissen führt. Um den Unterschied zu verstehen, muss man sich bewusst machen, dass 'Echtleder' eine übergeordnete Kategorie ist – ein allgemeiner Begriff, der jedes Material bezeichnet, das aus der Haut eines Tieres (meist Rindsleder) gewonnen und einem Gerbprozess unterzogen wurde, um Fäulnis zu verhindern. Unter diesem weiten Begriff verbergen sich verschiedene Schichten und Qualitäten des Rohmaterials. 'Narbenspalt' (im Englischen oft als 'full grain' oder 'top grain' bezeichnet) ist hingegen die präzise Bezeichnung für die spezifische, oberste Schicht dieses Materials. Das Verständnis des Aufbaus der Lederhaut ist für jeden Täschner entscheidend, denn die Art der verwendeten Schicht bestimmt die Strapazierfähigkeit, Ästhetik, den Preis und die Verarbeitung des Endprodukts. Hersteller von Massenware nutzen oft den Begriff 'echtes Leder', um zu verschleiern, dass ein Produkt aus minderwertigen, inneren Schichten hergestellt wurde, die mit luxuriösem Handwerk wenig gemeinsam haben.
Die Hierarchie der Schichten im Aufbau einer Rinderhaut
Tierhaut ist sehr dick (oft 6-10 mm vor der Verarbeitung), weshalb sie in der Gerberei horizontal in Schichten gespalten wird (dieser Prozess wird als Spalten bezeichnet). Die äußere Schicht, auf der das Fell wuchs, ist der Narbenspalt. Er besitzt eine dichte, extrem starke Faserstruktur, deren Fasern direkt unter der Oberfläche am engsten miteinander verflochten sind. Genau auf dieser Schicht sind die natürlichen Merkmale des Tieres sichtbar: Poren, kleine Kratzer oder Halsfalten. Vollnarbenleder (‚full grain‘) ist das hochwertigste Material, bei dem die Narbenseite in keiner Weise abgeschliffen oder künstlich korrigiert wurde. Es garantiert maximale mechanische Festigkeit, Feuchtigkeitsbeständigkeit und eine wunderschöne Patinabildung im Laufe der Zeit.
Wenn wir die obere Narbenschicht abtrennen, wird das, was darunter übrig bleibt, als Spaltleder (split leather) bezeichnet. Spaltleder ist ebenfalls zu 100 % 'Echtleder', aber seine Eigenschaften sind drastisch anders. Die Fasern im Spaltleder sind lockerer, ähneln eher einem Schwamm und besitzen nicht die natürliche Schutzschicht, die der Narben bildet. Spaltleder ist beidseitig rau (veloursartig). Um es dem Narbenleder ähnlich zu machen, wird es in der Massenproduktion oft mit einer dicken Schicht Polyurethan oder deckenden Farben beschichtet, auf die ein künstliches Porenmuster geprägt wird. Ein solches Material ist billig, aber nicht atmungsaktiv, bricht schnell und altert nicht mit Stil.
Mechanische und ästhetische Eigenschaften der Außenschicht
Die Überlegenheit des Narbenleders gegenüber Spaltleder zeigt sich in jedem Aspekt der Täschnerarbeit und der späteren Nutzung. Dank des dichten Fasergeflechts hält Narbenleder die Naht hervorragend. Das Garn, insbesondere starkes Ledergarn, schneidet unter Spannung nicht durch das Material, was bei lockerem Spaltleder ein häufiges Problem ist. Die Narbenseite ist zudem eine natürliche Barriere gegen Wasser und Schmutz. Bei pflanzlich gegerbten Ledern ist es die Narbenschicht, die Prägungen annimmt, sich nass formen lässt und eine professionelle Kantenbearbeitung (Polieren) mit Präparaten wie Tokonole ermöglicht.
Ästhetisch ist Narbenleder unnachahmlich. Seine Oberfläche ist atmungsaktiv, nimmt natürliche Öle und Wachse auf, wodurch es mit der Zeit nachdunkelt, Charakter entwickelt und sich an den Träger anpasst. Produkte aus kunststoffbeschichtetem Spaltleder werden mit der Zeit abblättern und in Stücken abfallen, wodurch die raue Unterseite freigelegt wird, was das Ende der Lebensdauer des Produkts bedeutet.
Die Verwendung von Spaltleder in Täschnerprojekten
Das bedeutet jedoch nicht, dass Spaltleder ein nutzloses Material ist. Im bewussten Handwerk hat es seinen genau definierten Platz. Spaltleder in der richtigen Stärke (oft als Veloursleder veredelt) ist ein ausgezeichnetes Material für weiche Futterstoffe in luxuriösen Taschen, Schachteln oder Brillenetuis, wo es empfindliche Gegenstände vor Kratzern schützt. Es wird auch häufig bei der Herstellung von Arbeitsschuhen (wegen seiner Atmungsaktivität, wenn es nicht kunststoffbeschichtet ist) und Schutzkleidung wie Schweißerschürzen oder Handschuhen verwendet.
Der Schlüssel liegt in der Materialehrlichkeit und der Auswahl des Rohmaterials entsprechend dem Verwendungszweck. Wenn Sie einen Gürtel entwerfen, der Jahrzehnte halten soll, müssen Sie dickes Narbenleder (Juchtenleder) verwenden. Wenn Sie einen weichen Beutel für Spielwürfel nähen, ist ein veloursartiges Spaltleder eine ausgezeichnete Wahl und wird die Produktionskosten erheblich senken.
Lesen Sie beim Kauf von Material für Ihre Werkstatt immer die Produktbeschreibung sorgfältig durch. Meiden Sie Produkte, die als 'genuine leather' (Echtleder) gekennzeichnet sind, wenn kein Hinweis auf 'full grain' oder 'top grain' (Narbenspalt) vorhanden ist. Die bewusste Wahl zwischen Narbenspalt und Spaltleder ist die Grundlage für einen professionellen Ansatz in der Täschnerkunst.







