Spaltleder, auch bekannt als 'Split Leather', ist eine Schicht echten Leders, die beim Spalten – dem horizontalen Aufschneiden dicker Häute in mehrere Lagen – entsteht. Es handelt sich um die innere Schicht, die keine natürliche Narbenseite mehr besitzt. Charakteristisch für Spaltleder ist die beidseitig faserige Struktur, eine geringere Reißfestigkeit und eine höhere Dehnbarkeit im Vergleich zum Narbenleder.
Spaltleder ist ein elementarer Begriff im Vokabular eines jeden, der sich mit der Lederverarbeitung beschäftigt. Es bezeichnet einen ganz bestimmten Teil der Haut, der durch einen maschinellen Prozess namens Spalten gewonnen wird. Stellen wir uns eine frisch gegerbte, dicke Rinderhaut vor – diese kann gut und gerne bis zu 10 mm stark sein. Um sie für das Täschnerhandwerk oder die Sattlerei nutzbar zu machen, muss sie auf die gewünschte Stärke ausgedünnt werden. Beim Spalten wird diese Haut präzise und horizontal in zwei oder mehr Schichten geschnitten. Die obere, äußere Schicht, welche die natürliche, glatte Oberfläche mit all ihren Poren und ihrer individuellen Struktur behält, ist das Narbenleder (Grain Leather). Alles, was von der Unterseite abgeschnitten wird – also die inneren Hautschichten – bildet das Spaltleder (Split Leather). Es handelt sich hierbei demnach zu 100 % um echtes Leder, jedoch mit einem völlig anderen Aufbau und abweichenden Eigenschaften als sein edleres Pendant, das Narbenleder.
Der Spaltprozess und die Lederstruktur
Um zu verstehen, was Spaltleder eigentlich ist, muss man sich die Anatomie der Haut genauer ansehen. Die Lederhaut (Corium) besteht aus dicht verwobenen Kollagenfasern. Deren Dichte ist jedoch nicht über den gesamten Querschnitt hinweg homogen. Dicht an der äußeren Oberfläche (dem Narben) sind die Fasern sehr fein und eng miteinander verflochten, was eine extrem robuste und reißfeste Struktur schafft. Je tiefer man in Richtung der Innenseite (Fleischseite) vordringt, desto dicker werden die Fasern, und ihr Geflecht wird lockerer und unregelmäßiger. Die Spaltmaschine schneidet exakt entlang dieser Schichten. Das Narbenleder behält diesen dichtesten und widerstandsfähigsten Teil. Das Spaltleder hingegen setzt sich aus diesen lockereren, inneren Faserpartien zusammen. Dieser fundamentale strukturelle Unterschied wirkt sich direkt auf die Eigenschaften beider Materialien aus. Narbenleder ist strapazierfähig, relativ dehnungsarm und entwickelt mit der Zeit eine wunderschöne Patina. Spaltleder ist von Natur aus weniger reißfest, anfälliger für Dehnung und weist auf beiden Seiten eine faserige, raue Oberfläche auf, da ihm der natürliche 'Abschluss' in Form der Narbenschicht fehlt. Zudem ist es saugfähiger und schmutzempfindlicher. Genau diese Eigenschaften bestimmen seine weiteren, sehr vielfältigen Einsatzbereiche.
Der Spaltprozess ermöglicht es den Gerbereien, den wertvollen Rohstoff optimal auszunutzen. Anstatt die überschüssige Dicke zu entsorgen, wird sie in ein neues, nutzbares Material verwandelt. Auf welche Stärke das Narbenleder und das Spaltleder geschnitten werden, hängt vom finalen Verwendungszweck ab. Wenn beispielsweise Täschnerleder 1.2 mm hergestellt wird, spaltet man eine dünne Narbenschicht ab und behält ein dickes Spaltleder für die weitere Verarbeitung zurück. Bei der Fertigung von massiven Gürteln aus 4 mm starkem Narbenleder fällt das verbleibende Spaltleder dementsprechend dünner aus. Aus einer einzigen dicken Rinderhaut lassen sich so eine Narbenschicht und mitunter sogar mehrere Schichten Spaltleder gewinnen.
Von Velours bis 'Genuine Leather': Die vielen Gesichter des Spaltleders
Rohes Spaltleder mit seinen zwei rauen Seiten bietet nur begrenzte Anwendungsmöglichkeiten. Durch fortschrittliche Veredelungstechniken kann es jedoch in eine Vielzahl unterschiedlicher Materialien verwandelt werden. Eines der bekanntesten ist Veloursleder. Wenn das Spaltleder eine entsprechend feine und gleichmäßige Struktur aufweist, wird seine Oberfläche (ein- oder beidseitig) geschliffen, um den charakteristischen, samtigen Flor zu erzeugen. Ein Großteil der auf dem Markt erhältlichen Veloursschuhe, -jacken und -taschen wird genau aus solchem Rind-, Ziegen- oder Schweinespaltleder gefertigt. In diesem Bereich wird die faserige Beschaffenheit des Spaltleders zu seinem größten Vorteil. Ein weiteres, sehr weit verbreitetes Verfahren ist die Herstellung von sogenanntem beschichtetem Spaltleder. Dies ist die Antwort der Industrie auf die Nachfrage nach einem günstigen Material, das die Optik von Narbenleder imitiert. Dabei wird auf die Oberfläche des Spaltleders eine Polyurethan- oder Vinylschicht aufgetragen und anschließend eine künstliche Narbung eingeprägt. Genau dieses Produkt wird am häufigsten unter dem Label 'Genuine Leather' verkauft. Es ist günstig in der Herstellung, aber seine Gebrauchseigenschaften wie Langlebigkeit und Atmungsaktivität sind deutlich schlechter als bei echtem Narbenleder.
Dünnere Spaltlederschichten finden zudem breite Anwendung als Futterleder in hochwertigen Lederwaren. Das Auskleiden des Innenraums einer Tasche oder eines Portemonnaies mit dünnem Spaltleder (oft vom Schwein, da dieses besonders abriebfest ist) gilt als Zeichen von Luxus und Liebe zum Detail. Ein solches Futter ist wesentlich langlebiger und eleganter als textile Alternativen. Spaltleder wird auch für die Herstellung preisgünstigerer Artikel verwendet, bei denen die Optik eine untergeordnete Rolle spielt, während ein niedriger Preis und eine gewisse Verschleißfestigkeit im Vordergrund stehen – zum Beispiel bei Arbeitshandschuhen oder bestimmten Schuhkomponenten.
Die Verwendung von Spaltleder in der handwerklichen Praxis
Für den Hobby-Handwerker in der Lederverarbeitung kann Spaltleder sowohl eine Falle als auch eine wertvolle Ressource sein. Zur Falle wird es dann, wenn man unwissentlich billiges, beschichtetes Spaltleder kauft in dem Glauben, man hätte ein Schnäppchen für 'echtes Leder' für ein ambitioniertes Projekt gemacht. Ein solches Material lässt sich schlecht verarbeiten, seine Kanten fransen aus und das Endprodukt verliert schnell an Attraktivität. Andererseits eröffnet der bewusste Einsatz von Spaltleder neue Möglichkeiten. Der Kauf von Velours-Spaltleder ermöglicht die Kreation wunderschöner, weicher Accessoires. Dünnes Futter-Spaltleder wiederum ist eine professionelle Methode, um das Innere von Projekten zu veredeln, ihnen Struktur und einen exklusiven Charakter zu verleihen. Spaltleder eignet sich auch hervorragend als Material für das Prototyping und das Testen von Schnittmustern, bevor man zum teureren Narbenleder greift. Wichtig ist, stets zu wissen, mit welcher Art von Spaltleder man es zu tun hat und wo seine Grenzen liegen. So lassen sich die Kanten von Spaltleder beispielsweise nicht glatt polieren wie die Kanten von pflanzlich gegerbtem Leder, da die lockere Faserstruktur dies schlichtweg nicht zulässt. Stattdessen können die Kanten mit einer speziellen Kantenfarbe bemalt werden, um sie zu versiegeln und ihnen ein ästhetisches Finish zu verleihen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Spaltleder ein untrennbarer Bestandteil der Lederwelt ist. Es beweist, wie ressourcenschonend und wirtschaftlich die Lederindustrie arbeitet, indem sie jeden Teil des wertvollen Rohstoffs nutzbar macht. Zu verstehen, was Spaltleder ist, wie es entsteht und welche Eigenschaften es besitzt, zeugt von echtem Materialwissen. Dies hilft dabei, kostspielige Fehler zu vermeiden und für jedes Projekt bewusst die richtige Lederart auszuwählen – ganz gleich, ob das Ziel ein robuster Ledergürtel oder eine weiche Velourstasche ist.







