Polsterkunstleder ist ein synthetisches Mehrschichtmaterial, das meist mit Polyurethan oder PVC beschichtet ist und in seiner Haptik und Optik natürliches Echtleder imitiert. Obwohl es mit der traditionellen Sattlerei und Lederverarbeitung wenig gemein hat, taucht es in Werkstätten häufig als günstige Alternative für Prototypen, Musterstücke oder als Material für die Möbelrestaurierung auf. Das Verständnis seines Aufbaus und seiner Eigenschaften ist entscheidend, da die Verarbeitungstechniken für dieses Material sich drastisch von den Methoden unterscheiden, die bei echtem Juchtenleder oder chromgegerbtem Leder angewendet werden.
Eigenschaften
Aus technischer Sicht ist Kunstleder überhaupt kein Leder. Die Struktur dieses Materials gleicht einem flexiblen Sandwich, bei dem die Unterseite aus einem textilen Träger (Gewirke oder Gewebe aus Baumwolle oder Polyester) besteht und die Oberseite aus einer werksseitig aufgetragenen Kunststoffschicht (PU oder PVC). Genau diese obere Schicht wird in speziellen Pressen mit einer Struktur versehen, um die natürliche Narbung mit ihren Poren, dem Joch und feinen Fältchen nachzuahmen. Im Gegensatz zu pflanzlich gegerbtem Leder, das ein dichtes, dreidimensionales Geflecht aus Kollagenfasern aufweist, ist der Kunststoff ein Material mit einer gleichmäßigen, wiederholbaren Struktur über die gesamte Bahnbreite.
Die wichtigste Eigenschaft von Kunstleder, die jeder Handwerker kennen muss, ist seine vollständige Resistenz gegenüber der Aufnahme von Lederverarbeitungsflüssigkeiten. Die synthetische Beschichtung nimmt weder Wasser noch Öle oder Lederfarbe auf. Der Versuch, Lederfarbe auf Alkoholbasis, wie die beliebten Produkte von Fiebing's, aufzutragen, führt lediglich zu einer klebrigen, schmierenden Schicht auf der Oberfläche, die nie in das Material eindringt. Aus dem gleichen Grund eignet sich Polsterkunstleder nicht für die Nassprägung oder das Prägen von Mustern. Das Fehlen von Kollagenfasern führt dazu, dass das Material die durch einen Stichel oder Stempel aufgeprägte Form nicht behält – sobald der Druck nachlässt, kehrt der Kunststoff einfach in seine ursprüngliche Form zurück.
Die Stärke von Polsterkunstleder liegt in der Regel zwischen 0,8 mm und 1,2 mm. Dieses Material zeigt beim Schneiden und bei der Kantenbearbeitung ein völlig anderes Verhalten als natürliches Leder. Wenn Sie versuchen, mit einem Kantenhobel die Kante von Kunstleder anzufasen, verhakt sich die Klinge sofort im textilen Träger, franst das Material aus und zerstört die Kante. Ebenso sinnlos ist die Verwendung von Tokonole und einem Kantenglätter. Die Reibung führt nicht zum Verschmelzen und Glätten der Kante, sondern lediglich zur Delamination der Polyurethanschicht vom textilen Träger. Kanten von Kunstleder lassen sich nur durch Umschlagen und Vernähen oder durch das Auftragen einer dicken, deckenden Kantenfarbe bearbeiten, die die hervorstehenden Fäden des Trägers physikalisch versiegelt.
Anwendungen
Kunstleder ist ein Material mit einem klar definierten Einsatzzweck. Obwohl Anfänger oft versuchen, daraus Geldbörsen zu nähen, zeigen sich seine wahren Stärken in ganz anderen Projekten. Nachfolgend finden Sie konkrete Anwendungsbeispiele mit den erforderlichen Parametern.
- Renovierung und Herstellung von Möbeln (klassisches Polsterkunstleder). Das ist das Haupteinsatzgebiet dieses Materials. Zum Beziehen von Sofas, Sesseln oder Stühlen werden Materialien mit einer Stärke von 1,0 mm bis 1,2 mm verwendet. Erforderlich sind hier eine hohe Scheuerfestigkeit (gemessen in Martindale-Zyklen) sowie ein Träger aus stabilem Gewebe, das eine übermäßige Dehnung des Materials unter dem Gewicht einer sitzenden Person verhindert.
- Fahrzeuginnenräume (Auto-Kunstleder). Material für den Automobilbereich hat spezifische Parameter. Es muss resistent gegen extreme Temperaturschwankungen und intensive UV-Strahlung sein, die gewöhnliches Polyurethan schnell zerstören würde. Die Stärke beträgt in der Regel 1,1 mm bis 1,3 mm. Häufig ist es laminiert, wobei werksseitig auf der Unterseite ein Polsterschaum von 3 mm oder 5 mm aufgebracht ist, der den Bezügen die gewünschte Weichheit und Fülle verleiht.
- Taschen- und Rucksackprojekte (Kunstleder für Täschnerarbeiten). In der Massenproduktion von Taschen sind Synthetikmaterialien allgegenwärtig. Handwerker verwenden sie seltener, aber wenn, dann wählen sie Materialien mit einer Stärke von etwa 1,0 mm. Der Schlüssel zum Erfolg bei Taschen aus Kunstleder ist die Verwendung von Verstärkungen (z. B. Vlieseline oder Sekundärleder), die zwischen die Schichten geklebt werden, da das Material allein zu weich ist, um eine räumliche Form zu halten. Alle Nähte müssen verdeckt oder die Kanten präzise umgeschlagen werden.
- Leichte Oberbekleidung (Bekleidungskunstleder). Zum Nähen von Jacken, Röcken oder Korsetts werden die dünnsten Varianten des Materials mit einer Stärke von 0,5 mm bis 0,8 mm verwendet. Der Träger ist in diesem Fall ein elastisches Gewirke, das dem Material erlaubt, sich mit dem Körper mitzubewegen. Solches Synthetikmaterial wird fast genauso verarbeitet wie dickere Stoffe, mit Haushaltsnähmaschinen und einem Teflonfuß, der das Verkleben des Kunststoffs mit dem Transportmechanismus verhindert.
- Bühnenbild- und medizinische Anwendungen (z. B. weißes Kunstleder). Überall dort, wo Sterilität und leichte Reinigungsmöglichkeit mit aggressiven Chemikalien gefragt sind, haben Synthetikmaterialien die Nase vorn gegenüber natürlichem Leder. Weißes Kunstleder mit 1,0 mm Stärke ist der Standard für Bezüge von Zahnarztstühlen oder Massagetischen, da es keine Körperflüssigkeiten aufnimmt und mit Desinfektionsmitteln abgewischt werden kann, die die natürliche Narbung zerstören würden.
Auswahlkriterien
Die Kaufentscheidung für Kunstleder sollte von den Anforderungen des konkreten Projekts bestimmt sein. Wenn Sie ein Handwerker sind, der an die Arbeit mit Juchtenleder gewöhnt ist, müssen Sie Ihre Herangehensweise an Design und Zuschnitt grundlegend ändern.
Erstens: Prüfen Sie die Art des Trägers auf der Materialrückseite. Er entscheidet darüber, wie sich das Material beim Spannen verhält. Wenn Sie planen, einen flachen Stuhlsitz zu beziehen oder eine einfache, kastenförmige Tasche zu nähen, wählen Sie Kunstleder auf Gewebeträger (erkennbar an der Kreuzung der Fäden). Dieses Material ist stabil und dehnungsarm. Wenn Sie jedoch ein rundes Teil wie ein Autolenkrad oder eine Armlehne beziehen müssen, suchen Sie nach Material auf Gewirketräger. Das Gewirke hat eine maschenartige Struktur, die es dem Kunstleder erlaubt, sich in eine oder zwei Richtungen zu dehnen und sich so ideal an Rundungen anzupassen.
Zweitens: Wählen Sie die Stärke und die Schneidwerkzeuge passend. Kunstleder mit 0,8 mm Stärke ist leicht zu verarbeiten, aber bei festen Nähten anfällig für Risse. Versionen mit 1,2 mm Stärke sind deutlich haltbarer. Zum Schneiden von Synthetikmaterialien eignet sich am besten ein Rollschneider auf einer Schneidematte. Ein traditionelles Halbrundmesser, hervorragend geeignet für dickes Rindsleder, kann beim sauberen Durchtrennen der Polyesterfäden des Trägers Probleme bekommen, was zu frustrierendem Ausfransen der Kanten führt.
Für den angehenden Sattler oder Täschner ist das gängige „Polsterkunstleder“ oft eine verlockende, günstige Option zum Üben des Nähens. Es ist ein gutes Material, um den Mechanismus der Nahtführung und das Ausstechen der Löcher zu trainieren. Achten Sie jedoch auf die Wahl der Prickeisen. Für Synthetikmaterialien mit 1,0 mm Stärke eignen sich am besten Prickeisen mit 4 mm oder 5 mm Teilung. Eine zu enge Stichteilung (z. B. 3 mm) perforiert das Material wie eine Briefmarke, und der gespannte Faden schneidet die empfindliche PU-Beschichtung einfach durch, was das gesamte Werkstück zerstört.
Der fortgeschrittene Maker weiß, dass die Arbeit mit Kunstleder das Kaschieren der Kanten erfordert. Beim Erstellen des Zuschnitts müssen Sie immer 10 mm bis 15 mm Zugabe für das Umschlagen der Ränder (die sogenannte Überlappung) einplanen. Die Kanten werden mit Lederkleber bestrichen, nach innen umgeschlagen, mit einem Sattlerhammer geklopft und dann von Hand (Sattlernaht) oder maschinell vernäht. Nur so verdecken Sie den unschönen, weißen oder grauen textilen Träger.
Produkte aus unserem Sortiment
In unserem Shop konzentrieren wir uns ausschließlich auf die Lieferung hochwertigster Materialien für die traditionelle Sattlerei und Lederverarbeitung, darunter natürliche, pflanzlich gegerbte Leder und Nappaleder. Aus diesem Grund führen wir kein synthetisches Polsterkunstleder im Sortiment. Wir wissen jedoch, dass viele Handwerker in ihren Werkstätten verschiedene Materialien kombinieren. Wenn Sie in Ihrem Projekt mit Synthetikmaterialien arbeiten, erleichtern Ihnen die folgenden Werkzeuge und Zubehörteile aus unserem Angebot diese Aufgabe erheblich.
- Sattlergarn – Zum Handnähen von Elementen aus Kunstleder eignen sich dicke Polyesterfäden hervorragend. Gewachstes Sattlergarn von Slam oder das dickere Vinymo MBT verleihen den Nähten Reißfestigkeit. Achten Sie jedoch darauf, sie nicht mit maximaler Kraft anzuziehen, um die synthetische Narbung nicht zu durchschneiden.
- Prickeisen – Für eine gleichmäßige Sattlernaht auf Kunstleder empfehlen wir Prickeisen mit 4 mm oder 5 mm Teilung. Rautenförmige oder französische Zähne durchdringen die Kunststoffschicht und den textilen Träger problemlos und bereiten ideale Löcher für die Nadel vor.
- Lederkleber – Unverzichtbar zum Unterkleben von Verstärkungen in weichem Kunstleder sowie beim Erstellen umgeschlagener Kanten. Ein starker Kontaktkleber verbindet die linke Seite des Synthetikmaterials dauerhaft mit einem anderen Material und verhindert das Verrutschen der Schichten beim Nähen.
- Schneidwerkzeuge und Schneidematten – Zum präzisen Schneiden langer Streifen oder komplexer Formen aus dünnen Synthetikmaterialien eignen sich Lederskalpelle sowie große Schneidematten, die die Arbeitsfläche vor Kratzern schützen.







