Flachstahl NC11LV ist ein rohes, ungehärtetes Stück hochlegierten Werkzeugstahls, das zur Herstellung hoch abrasionsbeständiger Messer und Spezialwerkzeuge in der Sattlerei bestimmt ist. Für den Handwerker, der mit Leder arbeitet, ist die eigene Herstellung eines Schneidwerkzeugs oft ein natürlicher Entwicklungsschritt. Sie ermöglicht die perfekte Anpassung der Griff- und Klingengeometrie an die eigene Hand und die spezifischen Anforderungen der Projekte. Leder, insbesondere dickes, pflanzlich gegerbtes Leder, ist ein extrem abrasives Material, das herkömmliche Buchbindermesser schnell stumpf werden lässt. Daher ist die Wahl des richtigen Stahls von entscheidender Bedeutung.
Eigenschaften
Um die Eigenschaften von Flachstahl NC11LV zu verstehen, muss man sich seine chemische Zusammensetzung ansehen. Es handelt sich um eine polnische Stahlsorte (entspricht dem international bekannten Stahl D2), die einen sehr hohen Kohlenstoffgehalt (ca. 1,5 %) und Chromgehalt (ca. 11–12 %) aufweist. Diese Mischung macht das Material zu einem ledeburitischen Stahl. In der Praxis der Sattlerei bedeutet das eines: Eine Klinge aus diesem Stahl behält ihre Arbeitsschärfe außergewöhnlich lange, selbst beim ständigen Schneiden von dickem Rindsleder mit einer Stärke von 3 mm oder 4 mm. Der hohe Chromgehalt macht ihn zudem zu einem „halbrostfreien“ Stahl – er ist deutlich korrosionsbeständiger als einfache Kohlenstoffstähle, kann aber bei Vernachlässigung in feuchter Umgebung dennoch einen Belag ansetzen.
Beim Kauf von Flachstahl erhalten Sie ihn in der Regel im weichen (geglühten) Zustand. Ein solcher roher Flachstahl gleicht einem gefrorenen Tonklumpen – scheinbar hart und unnachgiebig, lässt er sich mit geeigneten Metallfeilen und Bandschleifern zu einer präzisen Klinge formen, die erst nach der Wärmebehandlung ihre endgültige, stählerne Seele erhält. Die Bearbeitung im weichen Zustand ermöglicht es, mit herkömmlichen Metallbohrern (z. B. aus HSS-Stahl) Löcher für die Griffnieten zu bohren und den Anschliff vorzunehmen. Erst nach der Formgebung wird der Stahl in eine professionelle Härterei gegeben (oder in einem Muffelofen selbst gehärtet), wo er durch die Wärmebehandlung eine Härte von 60–61 HRC erreicht.
An dieser Stelle sollte ein häufiger Fehler erwähnt werden, den Anfänger bei der Werkzeugherstellung machen. Sie kaufen gehärteten Flachstahl in der Annahme, sich die Wärmebehandlung zu sparen. Gehärteter NC11LV-Stahl ist jedoch so hart, dass sich mit einem Standardbohrer kein Loch mehr bohren lässt (es sind Hartmetallbohrer erforderlich), und das Schleifen ohne Kühlung führt schnell zur Überhitzung des Materials (sog. Anlassen), was die Schneideigenschaften der Klinge an dieser Stelle unwiderruflich zerstört. Daher werden Werkzeuge immer aus weichem Stahl geschnitten und geformt und erst am Ende gehärtet.
Anwendungen
In der Sattlerwerkstatt eröffnet roher Werkzeugstahl den Weg zu einem Arsenal an Werkzeugen, die im Laden ein Vermögen kosten würden. Flachstahl NC11LV eignet sich aufgrund seiner Abriebfestigkeit besonders für spezifische, hochbelastete Werkzeuge.
- Rundmesser (round knife / head knife): Dies ist das königliche Werkzeug eines jeden Sattlers. Es dient zum geraden Schneiden, zum Ausschneiden von Bögen und zum Anfasen von Kanten. Für seine Herstellung eignet sich am besten Flachstahl mit einer Stärke von 2,5 mm oder 3 mm. Der Anschliff sollte recht hoch und flach sein, damit das Messer glatt in dickes Rindsleder eindringt. Der Stahl NC11LV ist hier hervorragend geeignet, da das Rundmesser eine lange Schneide hat, deren häufiges Schärfen mühsam ist.
- Schärfmesser (skiving knife / french skiver): Ein unverzichtbares Werkzeug zum Dünnschälen von Lederkanten (z. B. von 1,5 mm auf 0,5 mm), um sie beim Nähen von Portemonnaies oder Taschenrändern sauber umschlagen zu können. Hier ist ein dünnerer Flachstahl von etwa 2 mm ideal. Er erfordert einen einseitigen Anschliff (sog. Hohlschliff), der nahezu auf Null ausgezogen werden muss.
- Japanmesser (kiridashi): Ein einfaches, asymmetrisches Messer mit einer kurzen Klinge, hervorragend geeignet für präzise Zuschnitte von Schablonen und Details aus dünnerem Leder (1 mm – 1,5 mm). Ein kleines Stück Flachstahl mit 2 mm Stärke reicht dafür aus. Seine einfache Geometrie ist ein ideales Projekt für den beginnenden Werkzeugmacher.
- Sattlerahlen mit ungewöhnlichen Profilen: Obwohl Ahlen meist aus Rundstahl gefertigt werden, schneiden Sattler manchmal schmale Klingen aus dünnem Flachstahl (1,5 mm), um Ahlen mit einem diamantförmigen Profil zu erstellen, die perfekt auf die Breite der Prickeisen (z. B. 3 mm oder 4 mm) abgestimmt sind.
- Klinge für ein Drehmesser (swivel knife): Eine austauschbare Klinge für das Drehmesser, das zum Einschneiden (Tooling) in pflanzlich gegerbtem Leder verwendet wird. Sie erfordert eine sehr präzise Bearbeitung und Spiegelpolitur, damit sie beim Schneiden von Mustern nicht an den Ledefasern hakt.
Wie wählt man
Die Wahl des richtigen Flachstahls hängt von Ihren Metallbearbeitungsfähigkeiten, der verfügbaren Ausrüstung und dem Verwendungszweck des fertigen Werkzeugs ab. Nicht jeder Stahl verhält sich unter der Feile und auf dem Wasserstein gleich.
Für einen angehenden Werkzeugmacher, der nur über Handfeilen und eine einfache Bohrmaschine verfügt, kann Flachstahl NC11LV eine große Herausforderung darstellen. Aufgrund seines hohen Karbidanteils widersteht dieser Stahl bereits im weichen Zustand dem Abtrag. Eine deutlich einfachere Wahl für das erste Projekt ist Flachstahl NCV1 (legierter Werkzeugstahl). Dieses Material lässt sich viel angenehmer bearbeiten. NCV1 ergibt nach dem Härten eine außergewöhnlich aggressive Schärfe, ideal für präzise Schnitte, erfordert jedoch häufigeres Polieren auf dem Riemen mit Polierpaste als NC11LV. Allerdings hat NCV1 die Neigung zu rosten, daher muss das fertige Messer regelmäßig mit Öl abgerieben werden.
Eine weitere gängige Alternative ist Flachstahl 50HF. Es handelt sich um einen Federstahl, der häufig für Blattfedern, aber auch für große Buschmesser oder Macheten verwendet wird. Flachstahl 50HF hat eine enorme Zähigkeit (Widerstandsfähigkeit gegen Bruch und Ausbrüche), jedoch ist seine Fähigkeit, eine Rasierschärfe zu halten (sog. Kantenstabilität) im Kontext eines präzisen Sattlermessers merklich geringer als bei NC11LV oder NCV1. Ein Messer aus 50HF muss häufiger geschärft werden, was bei der Arbeit mit steifem Rindsleder die Arbeit verlangsamen kann.
Ein weiterer entscheidender Parameter ist die Stärke. Für die meisten Sattlermesser ist eine optimale Stärke von 2 mm oder 2,5 mm. Ein zu dicker Flachstahl für ein Messer (z. B. 4 mm) zwingt Sie dazu, eine enorme Materialmenge abzutragen, um eine ausreichend dünne Schneide zu erhalten, die sanft in das Leder eindringen kann. Denken Sie daran: Ein Sattlermesser ist keine Axt – es soll präzise schneiden und so wenig Widerstand wie möglich bieten.
Achten Sie auch auf die Breite des Flachstahls. Für ein Rundmesser benötigen Sie ein breites Stück (oft 60 mm oder 80 mm), während für ein einfaches Schärfmesser eine Breite von 30 mm völlig ausreicht. Kaufen Sie Material mit einem kleinen Zuschlag, vermeiden Sie jedoch den Kauf großer Formate, von denen Sie mit einer Flex einen halben Tag benötigen, um einen geeigneten Streifen abzutrennen.
Produkte aus unserem Sortiment
In unserem Shop konzentrieren wir uns auf die Bereitstellung hochwertigster Materialien und Werkzeuge für die direkte Lederverarbeitung. Aus diesem Grund führen wir keinen Verkauf von rohem Werkzeugstahl wie Flachstahl. Sollten Sie sich jedoch für die eigenhändige Herstellung eines Sattlermessers entscheiden, werden Sie mit Sicherheit eine robuste, lederne Scheide dafür nähen wollen, die die Klinge vor dem Abstumpfen und Sie vor versehentlichen Schnittverletzungen schützt. Für dieses Projekt sowie für die Herstellung solider Gürtel oder Taschen werden Ihnen die Produkte aus unserem Sortiment nützlich sein:
- Gürtelschnallen und -beschläge — Wenn das von Ihnen gefertigte Werkzeug zum Schneiden von Riemen aus dickem Rindsleder dient, benötigen Sie solide Befestigungen. Bei uns finden Sie Gürtelschnallen aus Messing und Stahl, die das Projekt eines schweren Arbeitsgürtels perfekt ergänzen. Achten Sie darauf, dass die Breite der Gürtelschnalle (z. B. 35 mm, 40 mm) der Breite des zugeschnittenen Lederriemens entspricht.
- Pflanzlich gegerbtes Leder (Rindsleder) — Das beste Material für die Scheide (sheath) Ihres neuen Messers. Pflanzlich gegerbtes Leder mit einer Stärke von 2,5 mm oder 3 mm ist steif, lässt sich nass um den Griff des Messers formen (wet molding) und behält nach dem Trocknen seine Form. Im Gegensatz zu weichen (chromgegerbten) Ledern sackt Rindsleder nicht ein und gibt die Klinge nicht frei.
- Fiebing's Pro Dye Lederfarbe — Das rohe Rindsleder der Scheide können Sie mit professionellen alkoholbasierten Lederfarben beliebig einfärben. Damit passen Sie die Farbe der Scheide an den hölzernen Griff Ihres Messers an.
- Tokonole — Ein unverzichtbares Mittel zur Kantenbearbeitung der Messerscheide. Nach dem Verkleben und Vernähen der Lederschichten tragen Sie Tokonole auf die Kante auf und polieren sie mit einem Holzpolierer (wood slicker). Sie erhalten eine glatte, glasartige Oberfläche, die die Kante vor dem Ausfransen schützt.
- Vinymo MBT Sattlergarn — Dicke Polyesterfäden (z. B. in Stärke #5 oder #1), die sich ideal zum Vernähen dicker Lederschichten bei Messerscheiden eignen. Sie sind extrem reißfest und abriebbeständig.







