Weichmachen von Naturleder ist ein mechanischer oder chemischer Prozess, der darauf abzielt, das Geflecht der Kollagenfasern im Lederinneren zu lockern, dem Material seine ursprüngliche Elastizität zurückzugeben und Rissbildung zu verhindern. Das Versteifen betrifft vor allem Materialien, die über längere Zeit Feuchtigkeit, Sonnenlicht oder unsachgemäßen Lagerbedingungen ausgesetzt waren. Manchmal muss ein Sattler ein neues, rohes Stück pflanzlich gegerbtes Leder gezielt geschmeidiger machen, um es an die Anforderungen eines bestimmten Projekts anzupassen – etwa beim Nassformen oder Wenden einer genähten Tasche auf die rechte Seite. Eine korrekt durchgeführte Behandlung verlängert die Lebensdauer des Werkstücks, während Fehler den Narben unwiderruflich zerstören können.
Charakteristik
Um den Weichmachungsprozess zu verstehen, muss man sich den Querschnitt des Materials ansehen. Die Fasern des Leders ähneln einem dichten Netz mikroskopisch kleiner Federn. Ohne ausreichende Befeuchtung mit natürlichen Fetten verkleben sie miteinander und bilden eine harte, spröde Kruste. Wenn das Leder die beim Gerben eingebrachte Feuchtigkeit und die Öle verliert, wird es steif. Die Reaktion auf Weichmachungsversuche hängt maßgeblich von der Gerbmethode ab.
Pflanzlich gegerbtes Leder (Juchtenleder) ist von Natur aus fester und hat offene Poren. Dadurch nimmt es Lederöl, Balsame und Wachse hervorragend auf. Man sollte jedoch bedenken, dass das Auftragen von Fett auf pflanzlich gegerbtes Leder immer zu einer Verdunkelung führt. Außerdem dunkelt pflanzlich gegerbtes Leder in der Sonne nach, und die Zugabe von Öl kann diesen Prozess noch beschleunigen. Chromgegerbtes Leder hingegen hat völlig andere Eigenschaften. Es ist in der Regel bereits beim Verlassen der Gerberei sehr weich. Ist es jedoch erst einmal ausgetrocknet, ist eine chemische Weichmachung äußerst schwierig. Chromgegerbtes Leder stößt Wasser und die meisten Öle ab, weshalb Präparate oft auf der Oberfläche bleiben und einen klebrigen Film bilden.
Besondere Vorsicht ist bei farbigen und werksseitig veredelten Ledern geboten, wie unserem Flaggschiff-Leder Maya. Diese Materialien haben bereits verschlossene Poren und eine aufgetragene Veredelung. Sie nehmen weder zusätzliche Lederfarbe noch Wachse auf dem Narben an. Der Versuch, ihnen weichmachendes Öl einzutreiben, würde die Textur ruinieren und dazu führen, dass das fertige Werkstück an Kleidung abfärbt. In solchen Fällen bleibt nur das sanfte mechanische Weichmachen – durch Rollen und Kneten des Leders in den Händen, was physikalisch die verklebten Fasern aufbricht, ohne Chemie einzusetzen.
Es ist wichtig, zwischen oberflächlichem und tiefenwirksamem Weichmachen zu unterscheiden. Dünnes Spaltleder mit einer Stärke von 1,5 mm reagiert sofort auf Geschmeidigmachen. Dicke Riemen aus pflanzlich gegerbtem Leder mit 3 mm oder 4 mm benötigen Zeit – das auf die Fleischseite aufgetragene Öl muss langsam die gesamte Struktur durchdringen. Ein zu schnelles und aggressives Knicken des ausgetrockneten, dicken Leders vor dem Einziehen des Präparats führt zu Rissen im Narben.
Anwendungen
Die Notwendigkeit, die Elastizität von Leder zu verändern, tritt in verschiedenen Phasen der Sattlerarbeit auf. Jedes Projekt stellt andere Anforderungen an die Materialstärke und den Grad der Geschmeidigkeit.
- Taschenwenden (Turnschuh-Konstruktion). Viele Taschen werden linksseitig genäht und anschließend auf rechts gewendet. Dafür verwendet man meist weiches, chromgegerbtes Leder mit einer Stärke von 1,2 mm bis 1,5 mm. Entscheidet sich der Sattler jedoch für pflanzlich gegerbtes Leder, muss er es vor dem Wenden kräftig befeuchten und weich machen, sonst reißt der Narben an den Falten. Nach dem Wenden und Trocknen gewinnt das Leder seine Festigkeit zurück und behält die gegebene Form.
- Nassformung (Wet Molding). Diese Technik ermöglicht die Herstellung dreidimensionaler Formen, etwa für Holster oder Etuis. Dafür wird pflanzlich gegerbtes Leder mit einer Mindeststärke von 2 mm bis 3 mm benötigt. Das Leder wird in Wasser getaucht, was es vorübergehend weich macht und extrem formbar werden lässt. Nach dem Aufziehen auf einen Leisten und vollständigem Trocknen wird das Material hart. Dann ist es nötig, ein leichtes Pflegeöl aufzutragen, um den Fasern eine minimale Elastizität zurückzugeben und Rissbildung am fertigen Werkstück bei der Nutzung zu verhindern.
- Restaurierung alter Werkstücke. Gürtelriemen oder historische Taschen aus dickem Leder (oft 3,5 mm bis 4 mm) verlieren im Laufe der Jahre ihre natürlichen Fette. Das Weichmachen solcher Gegenstände ist ein mehrtägiger Prozess. Es erfordert das Auftragen mehrerer dünner Schichten Lederöl auf die Fleischseite und ein langsames, mechanisches Kneten der Knicke.
- Vorbereitung von Riemen und Lederschnüren. Schmale Streifen, die aus Leder mit einer Stärke von 1,5 mm geschnitten werden und für Flechtarbeiten verwendet werden, müssen sehr reißfest und gleichzeitig geschmeidig sein. Vor der Arbeit ziehen Sattler sie häufig über die Tischkante oder einen runden Dorn, wodurch die Steifheit der Fasern mechanisch gebrochen wird, ohne dass Chemie nötig ist.
- Prägen und Stanzen von Mustern. Das Prägen erfolgt ausschließlich auf pflanzlich gegerbtem Leder mit einer Mindeststärke von 2 mm. Chromgegerbtes Leder wird nicht geprägt. Ist das pflanzlich gegerbte Leder zu trocken, hinterlässt der Stempel keinen deutlichen Abdruck. Das Leder wird mit Wasser angefeuchtet (Casing), was den Narben kurzzeitig geschmeidig macht. Wichtig: Vor dem Prägen sollten keine weichmachenden Öle verwendet werden – ein zu fettiges Leder hält die scharfe Kontur des Musters nicht.
- Treibriemen und Arbeitsriemen. In der Industrie oder bei der Restaurierung von Maschinen werden sehr dicke Riemen aus pflanzlich gegerbtem Leder (bis zu 5 mm) verwendet. Sie müssen auf Riemenscheiben laufen, was hohe Elastizität bei gleichzeitiger Dehnungsarmut erfordert. Sie werden mit speziellen, zähen Schmiermitteln weich gemacht, die die Fasern vollständig durchdringen.
Wie wählen
Die Entscheidung für eine Methode zur Geschmeidigmachung hängt von der Art des Materials und der Arbeitsphase ab. Ein Anfänger macht oft den Fehler, steifes pflanzlich gegerbtes Leder durch großzügiges Tränken mit Öl von beiden Seiten weich machen zu wollen. Die Folge ist ein „Schwamm" – das Leder verliert seine Tragfähigkeit, wird dunkel, klebrig und ungeeignet für die Kantenveredelung. Zu viel Fett führt außerdem dazu, dass alkoholbasierte Lederfarbe (wie Fiebing's Pro Dye) nicht gleichmäßig in den Narben eindringen kann.
Für Anfänger ist der sicherste Ansatz das mechanische Weichmachen. Man rollt ein Stück pflanzlich gegerbtes Leder einfach zu einer Röhre und rollt es dann in den Händen in verschiedene Richtungen. Diese als Kneten bezeichnete Operation lockert das Geflecht sicher. Reicht das nicht aus, trägt man eine minimale Menge Lederöl (Neatsfoot-Öl) ausschließlich auf die Fleischseite (die haarige Seite des Leders) auf. Die Fleischseite ist porös und zieht das Öl ins Lederinnere, wodurch das Risiko von Flecken auf dem Narben minimiert wird.
Der fortgeschrittene Handwerker weiß, dass das Färben von pflanzlich gegerbtem Leder es stark austrocknet. Der in den Lederfarben enthaltene Alkohol verdunstet und entzieht dem Leder dabei natürliche Feuchtigkeit. Daher muss nach jedem Färben die Elastizität wiederhergestellt werden. Dazu verwendet man leichte Balsame, die mit einem weichen Tuch aufgetragen werden. Denken Sie daran: Tokonole dient ausschließlich zur Kantenveredelung und zum Glätten der Fleischseite. Tokonole ist kein Imprägniermittel, kein Wachs für die Gesamtfläche und kein Glanzmittel für den Narben. Es dient nicht zum Weichmachen von Leder und erzeugt auf dem Narben eine unschöne, porenverschließende Schicht.
Wenn Sie mit bereits veredelten oder chromgegerbten Ledern arbeiten, verzichten Sie auf weichmachende Chemie. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf die richtige Wahl der Materialstärke bereits vor dem Kauf. Für eine weiche Beuteltasche wählen Sie Leder mit einer Stärke von 1,2 mm bis 1,5 mm. Der Versuch, sie aus hartem, pflanzlich gegerbtem Leder mit 2,5 mm zu nähen und dann mit Ölen Weichheit erzwingen zu wollen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Produkte aus unserem Sortiment
In unserem Shop konzentrieren wir uns darauf, Materialien bereitzustellen, die dem Sattler die volle Kontrolle über den kreativen Prozess geben. Obwohl wir keine typischen weichmachenden Öle im Sortiment haben, finden Sie bei uns Leder und Komponenten, die bei richtiger Vorbereitung jahrelang halten.
- Riemen aus Naturleder für Möbel und Maschinen – Dicke, solide Riemen aus pflanzlich gegerbtem Leder. Aufgrund ihrer Stärke (oft über 3 mm) und Steifheit können sie an Biege- oder Nietstellen eine mechanische Weichmachung erfordern, um sich ideal an die Beschläge anzupassen.
- Pflanzlich gegerbtes Rindsleder in Häuten – Rohes, pflanzlich gegerbtes Leder. Dies ist das Material, das am besten auf alle Weichmachungstechniken reagiert. Sie können es nassformen, in den Händen kneten oder nach dem Färben leicht ölen. Wir haben derzeit keine dedizierten Lederöle im Sortiment, empfehlen aber deren sparsame Verwendung auf der Fleischseite unserer pflanzlich gegerbten Leder.
- Fiebing's Pro Dye Lederfarbe – Professionelle, alkoholbasierte Lederfarbe. Denken Sie daran, dass der Färbeprozess mit diesen Lederfarben das pflanzlich gegerbte Leder leicht versteift. Nach vollständiger Trocknung der Lederfarbe empfehlen wir ein sanftes, mechanisches Geschmeidigmachen des Leders.
- Lederwerkzeug zur Kantenveredelung – Unabhängig davon, wie sehr Sie pflanzlich gegerbtes Leder weich gemacht haben, seine Kanten benötigen dennoch eine ordnungsgemäße Bearbeitung. Verwenden Sie einen Kantenhobel in Größe #1 oder #2 zum Abschrägen der Ecken und glätten Sie den Rand anschließend mit einem Kantenglätter (Wood Slicker) und Tokonole.
- Galanterieleder (z. B. Maya) – Fertig eingefärbte Leder, die von Natur aus weich und elastisch sind. Sie benötigen keine weichmachenden Behandlungen und nehmen diese auch nicht an. Sie können sofort mit dem Zuschnitt und der Naht mit starkem Polyestergarn wie Slam oder Vinymo MBT beginnen.







