Fett für Naturleder ist eine dicke Mischung aus natürlichen Ölen und Wachsen, die zur Tiefenpflege, Geschmeidigmachung und zum Schutz vor Feuchtigkeit von rohen Produkten aus Narbenleder bestimmt ist. Im Sattlerhandwerk ist es nicht nur ein Kosmetikum zur Verbesserung des Aussehens, sondern vor allem ein technisches Mittel, das die Lebensdauer der im Materialgefüge verborgenen Kollagenfasern verlängert. Richtig aufgetragen dringt das Fett tief in die Poren ein und ersetzt die natürlichen Feuchthaltesubstanzen, die das Leder während des Gerbprozesses und bei jahrelanger Nutzung verliert.
Charakteristik
Das Verständnis der Wirkung von Fett erfordert einen Blick auf Leder als ein dreidimensionales Geflecht mikroskopisch kleiner Fasern. Wenn Leder austrocknet, werden diese Fasern steif, spröde und anfällig für Risse bei jeder Biegung. Fett wirkt hier wie ein Schmiermittel in Maschinenlagern – es umhüllt die einzelnen Fasern, verhindert deren Reibung aneinander und ermöglicht ihnen, unter Belastung geschmeidig zu arbeiten. Bei Raumtemperatur hat das Präparat meist eine feste, pastöse Konsistenz, die unter der Wärme der Hand verflüssigt wird, was das Eindringen in die Narben erleichtert.
Entscheidend ist der Unterschied, wie Fett auf verschiedene Gerbarten reagiert. Pflanzlich gegerbtes Leder (Juchtenleder) trinkt das Fett aufgrund seiner offenen Porenstruktur extrem gierig. Das Auftragen des Präparats macht das pflanzlich gegerbte Leder sofort geschmeidig, dunkelt es aber gleichzeitig stark und dauerhaft nach. Dieses Phänomen ist natürlich und bei rustikalen Projekten erwünscht, muss jedoch bei der Farbplanung des Werkstücks berücksichtigt werden. Ganz anders verhält sich chromgegerbtes Leder. Seine Poren sind weitgehend durch Chromsalze verschlossen, weshalb das Fett nur sehr schwach eindringt und oft eine klebrige, schmierende Schicht auf der Oberfläche hinterlässt.
Auf keinen Fall sollten Fette auf fabrikmäßig veredelte und farbige Leder wie unser Flaggschiff Maya aufgetragen werden. Derartige Materialien haben bereits eine geschlossene Narbenseite und nehmen keine zusätzlichen Pflegestoffe auf. Ein Einreiben von Fett würde deren einzigartige Oberfläche zerstören. Fett wird auch nicht auf Lederschnittkanten aufgetragen – zu deren Glättung und Versiegelung dient ausschließlich das Präparat Tokonole, das nach dem Abfasen mit dem Edge-Beveler aufgetragen wird, nicht aber weiche Fettstoffe, die eine harte, glasige Oberfläche unmöglich machen würden.
Anwendungen
In der Sattlerwerkstatt und bei der täglichen Pflege von Lederwaren spielt Fett sehr konkrete Rollen. Seine Verwendung hängt von der Materialstärke und den Bedingungen ab, unter denen der fertige Gegenstand arbeiten wird.
- Imprägnierung von schwerem Arbeits- und Outdoor-Schuhwerk. Das ist die klassische Anwendung, bei der Fett für Lederschuhe eine hydrophobe Barriere bildet. In rohes Narbenleder mit einer Stärke von 2 mm bis 2,5 mm eingerieben, verhindert es das Eindringen von Wasser, Schmutz und Streusalz. Das Mittel füllt die Poren, sodass Wasser von der Schuhoberfläche abperlt und das Leder an den Schaftfalten nicht reißt.
- Pflege von Reitsport- und Sattlerausrüstung. Sättel, Zaumzeuge oder Geschirre werden aus kräftigem pflanzlich gegerbtem Rindsleder mit einer Stärke von 3,5 mm bis zu 5 mm gefertigt. Derart dickes Leder, das extremen Spannungen und Pferdeschweiß ausgesetzt ist, benötigt regelmäßige, tiefe Einfettung. Das Fett verhindert das Austrocknen der Tragriemen und gewährleistet die Sicherheit des Reiters.
- Pflege von Treibriemen und technischen Riemen. Dicke Riemen, die in Maschinen oder als tragende Elemente von Möbeln eingesetzt werden, arbeiten in ständiger Bewegung. Ohne ausreichende Gleitfähigkeit zwischen den Fasern würde Leder mit 3 mm oder 4 mm Stärke schnell reißen. Das Fett sorgt für Elastizität und Widerstandsfähigkeit gegen Materialermüdung.
- Restaurierung alter, ausgetrockneter Werkstücke. Wenn eine alte, rissige Tasche aus pflanzlich gegerbtem Leder zu uns kommt, ist Fett die einzige Rettung. In sehr kleinen Dosen über mehrere Tage aufgetragen, gibt es den toten Fasern langsam ihre Elastizität zurück. Man muss jedoch bedenken, dass dieser Prozess bereits vorhandene Narbenrisse nicht verklebt, sondern lediglich den weiteren Abbau stoppt.
- Schutz von Messerscheiden und Holstern. Nach dem Nassformen (wet molding) und eventuellen Prägen von Mustern wird pflanzlich gegerbtes Leder mit 2,5 mm bis 3 mm Stärke sehr steif. Nach vollständiger Trocknung und dem Auftragen von Lederfarben (z. B. aus der Serie Fiebing's Pro Dye) reiben Handwerker oft eine dünne Schicht Fett mit Bienenwachszusatz in die Narben ein. Das bietet Schutz vor Feuchtigkeit von außen, ohne die geformte Struktur übermäßig weich zu machen.
- Auftrag auf spezielle Veredelungen (Crazy Horse). Obwohl klassisches Fett für Nubukleder oder Wildleder eine schlechte Idee ist (es verklebt die feinen Härchen und verwandelt die matte Oberfläche in einen glatten, dunklen Fleck), wird bei Crazy-Horse-Leder (sogenanntem geöltem Nubuk) Fett bereits werksseitig verwendet, um den Pull-up-Effekt zu erzielen. Im Haushalt erfordert die Restaurierung eines solchen Leders Vorsicht und die Verwendung spezieller, sehr leichter Fette.
Wie man wählt und in der Praxis anwendet
Die Wahl des richtigen Präparats und die Technik des Auftragens sind Fähigkeiten, die den bewussten Sattler vom Amateur unterscheiden. Auf dem Markt erhältlich sind reine tierische Fette (z. B. das beliebte Nerzöl – Mink Oil – oder Rindertalg), pflanzliche Fette sowie Mischungen mit Wachszusätzen. Reines Nerzöl macht Leder am stärksten weich und dringt am tiefsten ein, daher eignet es sich hervorragend für dicke Riemen (über 3 mm). Wenn du jedoch eine Brieftasche aus pflanzlich gegerbtem Leder mit 1,5 mm Stärke herstellst, kann reines Nerzöl sie zu weich machen. In solchen Fällen sind fetthaltige Pasten mit Wachszusatz besser geeignet, die die Fasern nähren, aber dank des Wachses eine leichte, versteifende Schutzschicht auf der Narbenseite hinterlassen.
Der Auftrag von Fett erfordert Geduld. Der häufigste Anfängerfehler ist das Auftragen einer dicken Schicht auf einmal. Leder hat eine begrenzte Saugfähigkeit. Wenn du zu viel Fett aufträgst, führst du zum Phänomen der Überfettung (over-oiling). Das Leder wird dann schwammig, verliert seine Form, und das überschüssige Fett beginnt die Polyesterfäden (selbst so starke wie Slam oder Vinymo MBT) zu zersetzen, was zum Verrotten der Sattlernaht führt. Schlimmer noch: überfettetes Leder lässt sich ohne aggressive Chemie, die die Narben zerstört, nicht mehr entfetten.
Die richtige Technik besteht im Auftragen mikroskopisch kleiner Dosen. Nimm eine winzige Menge Fett auf ein Baumwolltuch oder deine Fingerkuppen (die Handwärme schmilzt das Präparat hervorragend) und reibe es mit kreisenden Bewegungen in das saubere, trockene Leder ein. Lass das Werkstück 12 bis 24 Stunden bei Raumtemperatur liegen. Gib den Fasern Zeit, das Mittel aufzunehmen. Wenn das Leder danach immer noch trocken erscheint, trage eine weitere, ebenso dünne Schicht auf. Erfahrene Handwerker wissen, dass Fett immer NACH dem Färben des Leders mit penetrierenden Lederfarben, aber VOR dem Auftragen irgendwelcher blockierender Acrylfinishes (sogenannter Resolen) aufgetragen wird, die die Aufnahme verhindern würden.
Produkte aus unserem Sortiment
In unserem Shop setzen wir in erster Linie auf Rohstoffe höchster Qualität, die eine ideale Grundlage für die Arbeit mit Fetten und Ölen bilden. Wenn du nach Materialien suchst, die durch richtige Pflege an Wert gewinnen, beachte die folgenden Kategorien.
- Riemen aus pflanzlich gegerbtem Rindsleder für Möbel und Maschinen – Dicke, solide Riemen aus pflanzlich gegerbtem Rindsleder, die aufgrund ihrer Arbeitseigenschaften geradezu regelmäßige Einfettung erfordern. Die richtige Pflege verhindert Rissbildung und gewährleistet jahrelange Belastbarkeit.
- Kantenchemie (Tokonole) – Denk daran: Fett wird auf die Narbenseite aufgetragen. Für die Kantenbearbeitung und die Fleischseite (Unterseite) des Leders verwende ausschließlich Spezialpräparate wie Tokonole, die in Kombination mit einem Holzpolierer (wood slicker) die Fasern schließen und eine glatte Fläche erzeugen.
- Fiebing's Penetrierfarben – Wenn du die Farbe von rohem pflanzlich gegerbtem Leder ändern möchtest, verwende Farben auf Alkohol- oder Ölbasis (z. B. Pro Dye) vor dem Auftragen des Fetts. Das auf das gefärbte Leder aufgetragene Fett vertieft die Farbe zusätzlich und schützt das Pigment vor Feuchtigkeit.







