Kunstleder (Möbel-Qualität) ist ein synthetisches, industriell gefertigtes Material, das echtes Leder in der Möbel- und Automobilindustrie nachahmt. Trotz des Begriffs „Leder“ im Namen hat es nichts mit tierischem Rohmaterial zu tun – es handelt sich tatsächlich um einen mit einer Polymerschicht überzogenen Stoff. Auch die Bezeichnung „ökologisch“ ist irreführend, da sie sich meist nur darauf bezieht, dass bei der Herstellung keine Tierhäute verwendet werden, nicht aber auf den chemischen Prozess selbst, der mitunter alles andere als ökologisch ist. Für den Sattler ist es entscheidend zu verstehen, dass es sich um ein völlig anderes Material mit gänzlich unterschiedlichen Eigenschaften und Einsatzbereichen handelt.
Eigenschaften und Merkmale
Die Grundlage von Kunstleder, auch als „Skai“, „Derma“ oder „Öko-Leder“ bezeichnet, bildet ein textiler Träger. Meist handelt es sich um ein Gestrick oder Gewebe aus Polyester, Baumwolle oder Mischgewebe, das als eine Art Gerüst des Materials dient. Auf diese Basisschicht wird eine Deckschicht aus Kunststoff aufgebracht. In der Regel ist das Polyvinylchlorid (PVC) oder – bei neueren, etwas hochwertigeren Varianten – Polyurethan (PU). Diese äußere Schicht wird anschließend strukturiert und eingefärbt, um den Narben echten Leders möglichst originalgetreu nachzuahmen. Mitunter ist die Imitation so gut, dass man auf den ersten Blick tatsächlich getäuscht werden kann.
Die Unterschiede werden jedoch bei näherer Betrachtung und bei der Bearbeitung offensichtlich. Kunstleder ist ein Material mit null Atmungsaktivität. Die Plastikschicht auf der Oberseite bildet eine Barriere, die weder Luft noch Feuchtigkeit durchlässt, was besonders bei Hautkontakt spürbar wird – etwa auf einem Sessel an einem heißen Tag. Echtes Leder hingegen „atmet“ dank seiner porösen Struktur. Darüber hinaus altert Kunstleder nicht, sondern es zersetzt sich schlicht. Statt einer schönen Patina, die sich mit der Zeit auf pflanzlich gegerbtem Leder entwickelt, bekommt Skai Risse, Scheuerstellen und blättert ab. Die Polymerschicht löst sich vom textilen Träger und legt ein unschönes Gitter darunter frei. Es ist wie eine Tapete mit Holzoptik auf einer Spanplatte – von weitem ähnlich, aber in Haptik, Haltbarkeit und Verarbeitung eine völlig andere Welt.
Für den Handwerker ist jedoch vor allem die Unbrauchbarkeit dieses Materials für klassische Sattlertechniken entscheidend. Kunstleder lässt sich weder prägen noch mit einem Drehmesser schnitzen (wozu sich pflanzlich gegerbtes Naturleder ab 2 mm Stärke hervorragend eignet), da seine Oberfläche nur eine dünne Kunststoffschicht ohne dichte Faserstruktur ist, die ein Muster fixieren könnte. Man kann es nicht mit Lederfarben wie Fiebing's Pro Dye färben, denn die Farbe dringt nicht in die Polymerbeschichtung ein. Auch das Finishen der Kanten durch Polieren ist unmöglich – der Versuch, Tokonole und eine Poliermaschine zu verwenden, endet lediglich in Delamination und Ausfransen des Materials. Kanten bei Produkten aus Skai werden in der Regel einfach zugeschnitten, nach innen eingeschlagen und vernäht oder mit speziellen, flexiblen Farben für Kunststoffe bemalt.
Anwendungsbereiche
Aufgrund seiner Eigenschaften – gleichbleibendes Muster und Farbe sowie einfache Reinigung (zumindest anfänglich) – hat Kunstleder breite Anwendung in der Massenproduktion gefunden. Sein Einsatz ist vor allem wirtschaftlich bedingt.
- Möbelpolsterung: Dies ist sein Hauptrevier. Sofas, Sessel, Poufs und Stühle, die mit Skai bezogen sind, verursachen deutlich geringere Produktionskosten als ihre Pendants aus echtem Leder. Das Material wird in großen, gleichmäßigen Rollen geliefert, was Verschnitt minimiert und das Zuschneiden mit Stanzen erleichtert.
- Fahrzeugpolsterung: Verwendet in günstigeren Automodellen für Sitzbezüge, Türverkleidungen oder Armaturenbretter. Es ist UV-beständig (verblasst nicht so schnell wie manche Leder) und lässt sich leicht von oberflächlichen Verschmutzungen reinigen.
- Massenproduktion von Lederwaren: Die meisten massenhaft produzierten Taschen, Geldbörsen, Gürtel und Rucksäcke, die den Markt überschwemmen, bestehen aus Skai. Die niedrigen Materialkosten ermöglichen die Herstellung äußerst preisgünstiger Produkte, deren Lebensdauer jedoch meist sehr kurz ist.
- Bekleidung und Schuhe: Jacken im „Ramones“-Stil, Hosen oder Schuhe der unteren Preisklasse nutzen häufig Kunstleder. Dies erlaubt die gewünschte Optik zu geringen Kosten.
- Buchbinderei: Einbände von Kalendern, Notizbüchern und Alben bestehen gelegentlich aus diesem Material.
Für den Handwerker, der handgefertigte Unikate schafft, ist Kunstleder jedoch ein Material, das gemieden werden sollte. Seine Eigenschaften stehen in völligem Widerspruch zur Idee der Sattlerei – der Herstellung von langlebigen, schönen und mit der Zeit edel alternden Gegenständen. Der Versuch, eine solide Geldbörse oder einen Gürtel aus Skai anzufertigen, endet in Frustration und einem Produkt, das nach wenigen Monaten Gebrauch auseinanderfällt. Die fehlende Möglichkeit einer professionellen Kantenbearbeitung verrät stets die synthetische Herkunft des Materials und wirkt unprofessionell.
Worauf achten bei der Auswahl? (Erkennen und Vermeiden)
Da dieses Material im handwerklichen Sattlerhandwerk nicht verwendet wird, sollte ein Ratgeber „wie wählt man aus“ besser lauten „wie erkennt und vermeidet man es“. Die Fähigkeit, Skai von echtem Leder zu unterscheiden, gehört zum Grundwissen eines jeden, der mit diesem Rohstoff arbeitet.
Erstens: Achten Sie auf die Unterseite des Materials (Fleischseite). Bei echtem Leder sehen Sie eine dichte, leicht „flaumige“ Struktur von Kollagenfasern. Bei Kunstleder befindet sich auf der Unterseite ein textiles Gitter, Gestrick oder ein anderes stoffähnliches Material. Dies ist die sicherste Methode zur Identifikation.
Zweitens: Betrachten Sie die Kanten. Eine geschnittene Kante von echtem Leder ist homogen und faserig. Die Kante von Skai zeigt deutlich den Schichtaufbau – unten den Stoff, oben die Kunststoffschicht. Mitunter lassen sich diese Schichten sogar mit dem Fingernagel trennen.
Drittens: Nutzen Sie Ihre Sinne. Echtes Leder hat einen charakteristischen, natürlichen Geruch. Skai riecht chemisch, nach Plastik oder gar nicht. Im Griff fühlt sich Naturleder wärmer und elastischer an, während Skai oft kalt und künstlich wirkt.
Falls Sie aus irgendeinem Grund mit diesem Material arbeiten müssen (z. B. bei Reparaturen), denken Sie daran: Es wird laufmeterweise verkauft, und seine Schlüsselparameter sind die Stärke (stets in Millimetern, z. B. 1,2 mm – im professionellen Handwerk ist die Angabe in g/m² strikt zu vermeiden, da dies ein Fehler wäre) sowie die Scheuerbeständigkeit, gemessen in Zyklen im Martindale-Test. Je höher diese Werte, desto haltbarer ist das Material theoretisch. Kunstleder lockt mit einem geringeren Kaufpreis im Vergleich zu Naturleder, doch dies ist eine trügerische Ersparnis. Daraus gefertigte Produkte müssen weitaus häufiger ersetzt werden. Versuche, ein solches Material zu färben, etwa mit dem Suchbegriff „ökologische Textilfarben“, sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Polyurethan- oder Vinylbeschichtung ist saugunfähig, und keine Textilfarbe kann sich dauerhaft mit ihr verbinden.
Produkte aus unserem Sortiment
In unserem Shop Craft-Point finden Sie kein Kunstleder. Unsere Mission ist es, Handwerkern hochwertige Materialien zu liefern, die die Herstellung langlebiger, schöner und wertvoller Gegenstände ermöglichen. Wir konzentrieren uns auf echte Leder – pflanzlich gegerbtes Leder (Juchten), das sich beliebig formen, färben und ausrüsten lässt, sowie auf edle Galanterieleder. Wir glauben, dass handwerkliche Arbeit einen edlen Rohstoff verdient, der die Prüfung der Zeit würdevoll besteht und das sattlerische Können voll zur Entfaltung bringt.
Verwandte Begriffe (Q&A)
- Juchten (pflanzlich gegerbtes Leder)
- Chromgegerbtes Leder
- Fleischseite und Narben des Leders
- Lederpatinieren
- Lederkantenbearbeitung
- Lederstärke (in mm)







