Vollnarbenleder (engl. full grain) ist die oberste, nicht korrigierte Schicht natürlichen Leders, die durch den Erhalt der ursprünglichen Porenstruktur und der natürlichen Oberflächenmerkmale gekennzeichnet ist. Es handelt sich um die am wenigsten verarbeitete Form des Rohmaterials, bei der der Narben weder geschliffen noch poliert wurde, um Unvollkommenheiten zu kaschieren. Aufgrund seiner dichten Struktur wird dieses Material im Sattlerhandwerk hoch geschätzt.
Was zeichnet Vollnarbenleder aus?
Stellen Sie sich den Querschnitt des Leders wie einen alten, dichten Wald vor. Der Narben ist das dichte Kronendach ganz oben – sehr eng verflochtene Fasern, die alles darunter schützen. Genau wegen dieser dichten Struktur ist das Vollnarbenleder äußerst widerstandsfähig gegen Feuchtigkeit, Dehnung und mechanische Beschädigungen. Im Gegensatz zum korrigierten Narbenleder (top grain), bei dem die oberste Schicht mechanisch abgeschliffen wird, um Makel zu entfernen, behält das Vollnarbenleder seine vollständige strukturelle Integrität.
Der Unterschied scheint gering, doch in der Praxis entscheidet genau die unversehrte Oberfläche darüber, wie das fertige Werkstück die Zeit übersteht. Vollnarbenleder atmet. Im Laufe der Jahre reißt und blättert es nicht, sondern entwickelt eine edle Patina. Es nimmt Öle von den Händen, Sonnenlicht und Wachse auf und gewinnt so einen tiefen, unverwechselbaren Charakter.
Die sichtbaren kleinen Narben, Insektenbisse oder Galtstellen (natürliche Falten) sind keine Fehler. Sie sind ein natürlicher Beweis für die Echtheit des Materials und zeugen von seiner rohen Schönheit und der Einzigartigkeit jeder Haut.
Wofür eignet sich Vollnarbenleder?
- Gürtelriemen: Sie erfordern hohe Zug- und Biegefestigkeit (optimale Stärke 3–4 mm).
- Messerscheiden und Holster: Vollnarbenleder behält nach dem Nassformen die gegebene Form hervorragend (optimale Stärke 2,5–3,5 mm).
- Luxuslederwaren: Geldbörsen, Taschen und Aktentaschen, die Jahrzehnte halten und schön altern sollen (optimale Stärke 1,2–2 mm).
- Uhrenarmbänder: Wo Ästhetik, Beständigkeit gegen Schweiß und tägliches Biegen zählen (optimale Stärke 1–1,5 mm).
Wie wählt man aus und worauf sollte man achten?
Achten Sie bei der Auswahl von Vollnarbenleder vor allem auf die Gerbmethode. Pflanzlich gegerbtes Leder (Veg-Tan) ermöglicht Ihnen freies Prägen (bei Lederstärke ≥ 2 mm), Nassformen und Färben. Chromgegerbte Leder sind dagegen weicher und wasserbeständiger, aber Sie können die Kanten nicht klassisch mit Polierwerkzeugen und Mitteln wie Tokonole bearbeiten (dann ist Kantenfarbe nötig).
Wählen Sie die Stärke immer passend zum Projekt. Eine Geldbörse aus 2,5 mm dickem Leder wird klobig und schwer zu falten sein, während ein Gürtelriemen aus 1,5 mm sich schnell verformen wird. Achten Sie auch darauf, aus welchem Teil der Haut das Material stammt. Der Rücken (Krupon) hat sehr dichte Fasern und dehnt sich minimal – ideal für Gürtelriemen. Hals und Flanken sind etwas lockerer. Denken Sie auch daran: Vollnarbenleder erfordert scharfes **Lederwerkzeug**. Ein gut geschärftes **Ledermesser**, ein **Kantenhobel** (in den gängigen Größen #1 oder #2) sowie **Prickeisen** (mit Teilungen von 3, 4, 5 oder 6 mm) sind die Grundlage, um das Material sauber zu schneiden, Nähte vorzubereiten und die dichten Fasern an der Kante nicht auszufransen.
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