Vollnarbenleder – das ist die oberste, stärkste Schicht der Haut mit intakter, natürlicher Narbenstruktur, die das ursprüngliche Fasergefüge, die Poren sowie feine Tiernarben und -male bewahrt.
Eigenschaften
Um Vollnarbenleder wirklich zu verstehen, musst du dir den Querschnitt einer Tierhaut vorstellen. Sie besteht aus der lockereren unteren Schicht (Fleischseite) und einer sehr dichten, kompakten oberen Schicht (Narben), aus der das Haar wuchs. Bei Vollnarbenleder wird diese oberste Schicht weder mechanisch geschliffen, korrigiert noch mit deckenden Lederfarben kaschiert. Vollnarbenleder ist wie der Fingerabdruck des Tieres – jede Haut hat ein einzigartiges Porenbild, natürliche Falten und manchmal kleine Kratzer oder Insektenstiche. Für einen bewussten Handwerker sind diese Spuren keine Fehler, sondern ein Zeichen von Authentizität und Wertigkeit des Materials.
Der Hauptvorteil der unversehrten Narbenseite ist ihre extreme Widerstandsfähigkeit. Die Fasern in diesem Teil der Haut sind am dichtesten angeordnet, was das Leder sehr reißfest, abriebfest und widerstandsfähig gegen Feuchtigkeit macht. Im Gegensatz dazu stehen „Top-Grain“-Leder (bei dem die Narben abgeschliffen wurden, um Fehler zu verdecken) und „Genuine Leather“ (oft Spaltleder mit Polyurethan-Beschichtung), die eine deutlich kürzere Lebensdauer haben. Im Sattlerhandwerk ist die häufigste Variante Vollnarbenleder aus Rindsleder. Seine Eigenschaften ermöglichen die Herstellung von Produkten, die bei richtiger Pflege Jahrzehnte überdauern.
Die Eigenschaften von Vollnarbenleder hängen maßgeblich von der Gerbmethode ab. Pflanzlich gegerbtes Leder ist ein Rohmaterial, das mit der Zeit durch Sonne und Berührung wunderschön nachdunkelt und eine einzigartige Patina entwickelt. Dieses Leder nimmt Wasser auf, lässt sich nass formen und nimmt Lederfarben und Wachse gut an. Chromgegerbte Vollnarbenleder hingegen sind von der Gerberei aus weich, elastisch und fertig ausgerüstet. Ihre Poren sind verschlossen, daher nehmen sie keine Lederfarbe mehr auf, und der Versuch, Lederöl aufzutragen, ist sinnlos. Die Wahl zwischen diesen beiden Gerbmethoden bestimmt den gesamten weiteren Arbeitsprozess eines Projekts.
Anwendungen
Vollnarbiges Rindsleder ist äußerst vielseitig, erfordert aber eine präzise Auswahl von Dicke und Steifigkeit für die jeweilige Aufgabe. Nachfolgend findest du bewährte Einsatzszenarien mit den Parametern, die den Erfolg garantieren.
- Gürtelriemen und schwere Hosenträger. Hierfür werden die dicksten und steifsten Hautteile (meist Rückenstücke) verwendet. Die optimale Dicke liegt bei 3,5 mm bis 4 mm. Wir verwenden hier ausschließlich pflanzlich gegerbtes Leder. Ein solcher Gürtelriemen passt sich mit der Zeit der Körperform an, dehnt sich aber nicht ungewollt. Die Kanten eines so dicken Leders erfordern eine kräftige Fase mit einem Kantenhobel in Größe #2 oder #3 und anschließend mehrfaches Polieren mit Tokonole und einem Kantenglätter aus Holz.
- Klassische Herrenportemonnaies (Bifold). Hier arbeiten wir mit deutlich dünneren Materialien, damit das fertige Produkt nicht wie ein Ziegelstein wirkt. Für die Außenschicht eignet sich Vollnarbenleder mit einer Dicke von 1,2 mm bis 1,5 mm hervorragend. Für die inneren Kartenfächer verwendest du Leder mit einer Dicke von 0,8 mm bis 1,0 mm. Wenn du pflanzlich gegerbtes Leder in dieser Stärke wählst, kannst du es mit Fiebing's Pro Dye färben. Das Zusammennähen so dünner Schichten gelingt am besten mit Prickrädchen oder Lochzangen mit 3 mm oder 4 mm Teilung und dünnem Polyester-Sattlergarn wie Slam.
- Messerscheiden, Holster und nassgeformte Etuis. Diese benötigen pflanzlich gegerbtes Leder mit einer Dicke von 2,5 mm bis 3 mm. Nur pflanzlich gegerbtes Leder wird unter Wassereinwirkung plastisch und behält nach dem Trocknen dauerhaft die Form. Chromgegerbte Leder sind dafür völlig ungeeignet. Eine Dicke über 2 mm ermöglicht zudem tiefe Prägungen und Schnitzereien mit dem Ledermesser.
- Messenger-Taschen, Aktentaschen und Shopper. Die Konstruktion solcher Taschen erfordert eine Balance zwischen Strapazierfähigkeit und Gewicht. Die Korpusse werden meist aus Leder mit 2 mm bis 2,5 mm Dicke gefertigt. Du kannst hier sowohl steiferes pflanzlich gegerbtes Leder als auch weiches Leder, das fertig eingefärbt ist, verwenden. Beachte jedoch, dass du bei fabrikmäßig fertiggestellten Ledern die Kanten nicht allein mit Tokonole glätten kannst – du benötigst spezielle Kantenfarbe.
- Uhrenarmbänder. Sie erfordern ein Material, das ständiger Biegung und Schweiß standhält. Die Außenschicht besteht meist aus dünnem Narbenleder (etwa 1 mm bis 1,5 mm), das oft auf der Unterseite mit einem speziellen, hautfreundlichen Futter unterklebt wird. Präzision ist hier entscheidend, daher werden die Kanten mit den kleinsten verfügbaren Werkzeugen (Kantenhobel #0) gefast und mit einer sehr engen Sattlernaht vernäht, wobei Lochzangen mit 3 mm Teilung zum Einsatz kommen.
Wie wähle ich aus?
Beim Kauf von Vollnarbenleder musst du einige wichtige Entscheidungen treffen, die deinen Arbeitskomfort beeinflussen. Die erste betrifft das Format. Für einen Anfänger im Sattlerhandwerk ist der Kauf einer ganzen Haut (die über 4 Quadratmeter groß sein kann) oft zu teuer und ein Platzproblem. Deutlich besser geeignet sind Vollnarbenleder-Zuschnitte, also fertig auf bestimmte Maße zugeschnittene Stücke (z. B. A4 oder A3). Sie ermöglichen das Testen verschiedener Dicken und Farben, ohne das Budget zu sprengen. Fortgeschrittene Handwerker, die Vollnarbenleder kaufen möchten, zielen in der Regel auf halbe Häute oder Rückenstücke (die beste, dichteste Partie vom Rücken des Tieres) und meiden die lockereren Flanken (Bäuche), die zum Dehnen und Knittern neigen.
Der nächste Schritt ist die Beurteilung der Oberfläche. Denke daran: Vollnarbenleder hat natürliche Spuren. Wenn du Leder online bestellst, musst du damit rechnen, dass auf dem Zuschnitt feine Kratzer oder Fettfalten auftreten können. Das ist völlig normal. Wenn du jedoch ein perfekt glattes, elegantes Portemonnaie anfertigen möchtest, bitte den Verkäufer, dir einen Zuschnitt aus einem saubereren Hautbereich auszuwählen. Achte auch auf die Steifigkeit (engl. Temper). Zwei Leder mit 2 mm Dicke können sich völlig unterschiedlich verhalten – eines steht steif wie Pappe, ein anderes fällt weich unter seinem eigenen Gewicht. Für Beuteltaschen wähle weiche Leder, für Aktentaschen steife.
Ein wichtiger Aspekt bei der Arbeit mit Vollnarbenleder ist auch die Pflege und Vorbereitung. Pflanzlich gegerbtes Leder sollte vor dem Färben mit einer milden Oxalsäurelösung oder einer speziellen Sattelseife abgewischt werden, um Gerberei-Rückstände zu entfernen. Ist das Produkt fertig, verwendest du zur Pflege spezielle Mittel. Ein guter Vollnarbenleder-Reiniger ist meist eine Glyzerinseife (Sattelseife), die die Poren reinigt, ohne die Fasern auszutrocknen. Nach der Reinigung benötigt pflanzlich gegerbtes Leder eine Fettung, zum Beispiel mit Lederöl oder einer Pflege auf Bienenwachsbasis. Achtung: Chromgegerbte Leder und Leder mit fabrikmäßig geschlossener Narbenseite werden nur mit einem feuchten Tuch gereinigt, da sie keine Öle oder Pflegewachse aufnehmen.
Ein häufiger Anfängerfehler ist der Versuch, Muster in zu dünnes oder chromgegerbtes Leder zu prägen. Merke dir: Stempeln und Schnitzen wird nur auf nassem, pflanzlich gegerbtem Leder mit einer Mindestdicke von 2 mm durchgeführt. Ein Schlag mit dem Punzierhammer auf einen Stempel in 1,2 mm dickem Leder führt zum Durchschlagen oder zur irreversiblen Verformung der Fleischseite, und chromgegerbtes Leder kehrt einfach in seine ursprüngliche Form zurück, ohne deine Arbeit anzunehmen.
Produkte aus unserem Sortiment
In unserem Sortiment nehmen Vollnarbenleder und die Materialien zu seiner Verarbeitung einen zentralen Platz ein. Obwohl wir in diesem Artikel keine direkten Links zu einzelnen Produkten einfügen, findest du in den entsprechenden Kategorien des Shops alles, was du für die Arbeit mit diesem edlen Material benötigst.
Wir bieten eine breite Auswahl an pflanzlich gegerbtem Leder in praktischen Zuschnitten und Gürtelriemen – ideal zum Erlernen von Prägen, Färben und Kantenbearbeitung. Du findest bei uns Leder in Stärken von 1 mm (für Portemonnaies) bis zu 4 mm (für massive Gürtelriemen). Für alle, die fertige Lösungen suchen, haben wir fabrikgegerbte Leder in einer reichhaltigen Farbpalette, darunter unser Flaggschiff-Leder Maya.
Zur Verarbeitung von Vollnarbenleder ist professionelle Chemie unerlässlich. Wir bieten die volle Palette alkoholbasierter Lederfarben von Fiebing's (darunter die bewährten Pro Dye), die tief in die Narben des pflanzlich gegerbten Leders eindringen. Zum Finish von Kanten und Fleischseite empfehlen wir das japanische Tokonole, das in Kombination mit einem Kantenglätter aus Holz eine glatte, glasige Oberfläche ermöglicht.
In der Werkzeugabteilung stellen wir dir alles für Nähen und Schneiden zusammen. Wir führen Prickrädchen mit Teilungen von 3, 4, 5 und 6 mm, mit denen du die Stichdichte an die Lederstärke anpassen kannst. Du findest bei uns auch Nahtversenker, Kantenhobel in den Größen #0 bis #4 sowie scharfe Ledermesser zum Schneiden von Riemen und Zuschnitten. Abgerundet wird das Ganze durch starke Polyester-Sattelgarne für die Handnaht, wie gewachstes Slam oder dickeres Vinymo MBT.







