Leder als Rohmaterial – das ist ein tierisches Material, das einem Gerbprozess unterzogen wurde, um seinen Verfall zu verhindern und ihm die für die Herstellung von Lederwaren notwendige Elastizität, Festigkeit und bestimmte Dicke zu verleihen. In der Handwerkersprache bezeichnet dieser Begriff nicht rohe, unbehandelte Haut direkt vom Schlachthof, sondern eine fertig gegerbte Haut, aus der der Sattler die Teile seines Projekts zuschneidet.
Die Wahl des richtigen Rohmaterials ist die wichtigste Entscheidung im gesamten kreativen Prozess. Sie bestimmt, welche Werkzeuge du verwendest, welche Chemikalien du benötigst und wie lange das fertige Produkt hält. Das Verständnis der Eigenschaften der verschiedenen Ledertypen hilft dir, Frustration und kostspielige Fehler zu vermeiden, besonders am Anfang deiner Reise in der Lederverarbeitung.
Eigenschaften
Jede Lederhaut hat zwei Seiten: eine glatte, äußere Schicht, die als Narben bezeichnet wird, und eine innere, faserige Seite, die ursprünglich an den Muskeln anlag – die Fleischseite. Wie sich diese Schichten verhalten, hängt hauptsächlich von der Gerbmethode ab. Im Handwerk begegnen uns am häufigsten zwei Haupttypen: pflanzlich gegerbtes Leder und chromgegerbtes Leder. Sie haben völlig unterschiedliche Eigenschaften und erfordern eine andere Herangehensweise in der Werkstatt.
Pflanzlich gegerbtes Leder, oft als Blankleder bezeichnet, ist ein Material, das mit natürlichen Gerbstoffen aus Baumrinde behandelt wird. Dieses Rohmaterial wirkt wie ein dichter Schwamm – es saugt Wasser, alkoholbasierte Lederfarbe und natürliche Öle auf. Dank dieser Eigenschaft lässt sich Blankleder nass formen und durch Prägen und Schnitzen mit einem Drehschneider (Swivel Knife) verzieren. Allerdings ist das Prägen nur bei Leder mit einer Mindestdicke von 2,0 mm sinnvoll; dünneres Material würdest du entweder durchstoßen oder erhältst nicht genügend Tiefe im Muster. Pflanzlich gegerbtes Leder altert wunderschön, dunkelt mit der Zeit in der Sonne nach und entwickelt eine einzigartige Patina. Seine Kanten lassen sich leicht bearbeiten – nach dem Anfasen mit einem Kantenhobel und dem Auftragen von Tokonole können sie mit einem Kantenglätter glatt poliert werden.
Ganz anders verhält sich chromgegerbtes Leder. Der Prozess mit Chromsalzen macht das Material weich, sehr elastisch und wasserabweisend. Leider nimmt dieses Leder keine tiefer eindringenden Lederfarben an, lässt sich nicht nass formen und nicht prägen. Der Versuch, Wachs auf die Narbenseite von Chromleder aufzutragen, führt meist zu einer klebrigen, schmierenden Schicht, die nicht einziehen will. Auch die Kantenbearbeitung erfordert hier eine andere Technik – Tokonole verklebt die losen Fasern nicht, daher sind spezielle Kantenfarbe notwendig.
Erwähnenswert sind auch bereits fabrikfertig gegerbte Leder, wie unser Flaggschiff-Leder Maya. Diese Materialien erhalten in der Gerberei bereits ihre endgültige Farbe und Textur. Bei der Arbeit mit solchen Rohmaterialien entfällt der Färbeschritt. Zudem dürfen farbige Leder nicht mit zusätzlichen Lederfarben wie Fiebing's Pro Dye behandelt werden, da ihr Narben bereits versiegelt ist. Du kannst nur an der Kantenbearbeitung und gegebenenfalls am Schutz der Fleischseite arbeiten.
Anwendungen
Die Auswahl des Rohmaterials muss streng nach der Art des hergestellten Gegenstands erfolgen. Der wichtigste Parameter, auf den du achten musst, ist die Lederdicke, die immer in Millimetern angegeben wird. In der Sattlerei verwenden wir nicht den Begriff des Flächengewichts (g/m²), der für Stoffe und Papier reserviert ist.
- Klassische Herren-Bifold-Geldbörsen: Diese Projekte erfordern Präzision und dünnes Material, damit die Brieftasche nach dem Falten nicht wie ein Ziegelstein aussieht. Für die Außenschicht wird meist Leder mit einer Dicke von 1,5 mm gewählt. Das Innere, also Kartenfächer und Geldscheinfächer, wird aus Rohmaterial mit einer Dicke von 1,0 mm oder 1,2 mm gefertigt. Die Verwendung von dickerem Leder führt dazu, dass Prickrad mit einem Teilungsabstand von 3 mm oder 4 mm Probleme haben, mehrere Schichten zu durchstechen, und die Brieftasche selbst schließt nicht richtig in der Tasche.
- Gürtelriemen für Hosen: Sie erfordern kompromisslose Haltbarkeit, da sie erheblichen Belastungen ausgesetzt sind und ständig gebogen werden. Hier dominiert dickes, pflanzlich gegerbtes Rindsleder. Die optimale Dicke des Rohmaterials für einen Gürtelriemen liegt zwischen 3,5 mm und sogar 4,5 mm. Diese Dicke ermöglicht die Verwendung eines Kantenhobels in Größe #2 oder #3, was schöne, abgerundete Kanten ergibt, die nach dem Polieren mit Tokonole nicht in den Hosenstoff einschneiden.
- Damentaschen und Shopper-Taschen: Hier weicht das steife Blankleder oft formbareren Lederarten. Gut geeignet sind pflanzlich gegerbte Leder, aber mit geringerer Dicke, meist 1,8 mm bis 2,2 mm, oder weiche, fertig gegerbte Leder. Wichtig ist, dass das Rohmaterial die richtige „Festigkeit“ (Temper) hat – zu weich führt dazu, dass die Tasche unter ihrem eigenen Gewicht zusammenfällt, zu steif erschwert das Wenden der Tasche, wenn das Projekt Innennähte vorsieht.
- Holster, Messerscheiden und geformte Etuis: Das ist die Domäne ausschließlich von pflanzlich gegerbtem Leder mit einer Dicke von 2,5 mm bis 4,0 mm. Dieses Rohmaterial wird nach dem Einweichen in Wasser außergewöhnlich formbar. Es kann über einen Holzleisten oder ein in Folie eingewickeltes Messer gezogen werden – nach dem Trocknen behält das Leder seine Form dauerhaft und wird hart wie eine Rüstung.
- Uhrenarmbänder: Sie erfordern ein sehr dünnes, aber dichtes Rohmaterial. In der Regel wird Narbenleder mit einer Dicke von 1,0 mm verwendet, das mit einer zweiten Lage dünnen Leders (Futter) oder einem speziellen Material gegen Schwitzen unterklebt wird. Aufgrund der geringen Größe werden für Uhrenarmbänder Prickräder mit kleinem Teilungsabstand, meist 3 mm, und dünnes Sattlergarn verwendet, was dem Produkt ein elegantes Aussehen verleiht.
- Kleine Lederwaren (Schlüsselanhänger, Lesezeichen): Das ideale Einsatzgebiet für Reste. Rohmaterial mit einer Dicke von 1,5 mm bis 2,0 mm ist hier am vielseitigsten. Es ermöglicht problemloses Einschlagen mit einem Prickrad von 4 mm, einen gleichmäßigen Sattlernaht und eine schnelle Kantenbearbeitung, ohne dass das Material aufwändig gedünnt werden muss.
Wie wähle ich aus
Die Wahl des Leders ist der Moment, in dem sich ein Anfänger oft überfordert fühlt. Um Frustration zu vermeiden, beginne damit, dein Projekt genau zu definieren. Wenn du deine erste Brieftasche nähen möchtest, kaufe kein dickes Blankleder mit 3,0 mm, denn du wirst Schwierigkeiten beim Umbuggen haben, und das fertige Produkt wird unpraktisch sein. Suche nach Häuten mit einer Dicke von 1,2 mm bis 1,5 mm.
Für jemanden, der die ersten Schritte im Handwerk macht, ist die sicherste Wahl ein bereits fertig gegerbtes und in der Gerberei gefärbtes Leder. Die Arbeit mit reinem, natürlichem Blankleder erfordert Erfahrung im gleichmäßigen Auftragen von Lederfarben (z. B. Fiebing's Pro Dye). Das manuelle Färben großer Flächen ohne Schlierenbildung ist eine schwierige Kunst. Wenn du dich für farbiges Leder entscheidest, umgehst du diesen Schritt und kannst dich auf das Erlernen des Ledermesser-Schneidens, das präzise Führen des Creaser und das Beherrschen des Sattlernaht konzentrieren.
Achte genau auf die Fleischseite, also die Unterseite des Leders. Bei hochwertigem Rohmaterial sollte die Fleischseite glatt sein und ihre Fasern dicht miteinander verbunden. Wenn du beim Darüberstreichen mit der Hand auf der Unterseite lange, lose und flauschige Fasern spürst (sogenannte „flauschige Fleischseite“), bedeutet das, dass das Leder aus einer schlechteren Partie der Haut stammt, meist aus dem Bauchbereich (Belly). Solches Material dehnt sich stark und lässt sich ästhetisch schwer bearbeiten. Natürlich kann man die lose Fleischseite durch Auftragen einer Schicht Tokonole und Polieren mit einem Glattstreicher glätten, aber das erfordert zusätzliche Arbeit, und das Leder bleibt anfällig für Verformungen.
Ein fortgeschrittener Handwerker wählt das Rohmaterial unter dem Gesichtspunkt spezifischer Verzierungstechniken. Wenn du florale Motive schnitzen möchtest (Floral Carving), musst du natürliches Blankleder mit einer Mindestdicke von 2,5 mm kaufen, denn nur solches Material nimmt tiefe Schnitte mit dem Drehschneider an und erlaubt kräftige Schläge mit Punziereisen. Denke auch daran, das Sattlergarn an die Dicke des Rohmaterials anzupassen – für dünne Geldbörsen aus 1,2 mm Narbenleder wähle dünnes Polyester-Sattlergarn (z. B. Slam), während für eine dicke Tasche aus 3,0 mm Blankleder dickere Fäden wie Vinymo MBT besser geeignet sind, die die Schichten fest verbinden und die mit Prickrad im Abstand von 5 mm oder 6 mm gemachten Löcher füllen.
Produkte aus unserem Sortiment
Derzeit führen wir in unserem Online-Katalog keinen Direktverkauf von ganzen Häuten Rohleder unter bestimmten Links. Unser Sortiment konzentriert sich auf die Lieferung hochwertigster Chemikalien, Lederwerkzeug und Zubehör, mit denen du dieses Rohmaterial professionell bearbeiten und in ein fertiges Produkt verwandeln kannst.
Um das Potenzial des gekauften Leders voll auszuschöpfen, benötigst du die richtige Ausrüstung. In unserem Sortiment findest du alles, was für die Arbeit mit Rohleder notwendig ist:
- Mittel zur Kanten- und Fleischseitenbearbeitung, allen voran das zuverlässige Tokonole, das die Fasern von pflanzlich gegerbtem Leder glättet und schützt.
- Eine breite Palette professioneller, alkoholbasierter Lederfarbe von Fiebing's, ideal zum Färben von natürlichem Blankleder.
- Präzise Prickräder mit verschiedenen Teilungsabständen (von 3 mm bis 6 mm), mit denen du gleichmäßige Löcher für den Sattlernaht vorbereiten kannst.
- Schneide- und Formwerkzeuge, darunter Kantenhobel in den Größen #0 bis #4, unerlässlich zum Abrunden der Kanten vor dem Polieren.
- Starkes, gewachstes Polyester-Sattlergarn wie Slam und Vinymo MBT, das die Langlebigkeit deiner Nähte über Jahre garantiert.
Verwandte Begriffe
- Blankleder (pflanzlich gegerbtes Leder)
- Chromgerbung
- Kantenbearbeitung bei Leder
- Tokonole
- Fleischseite (Mizdra)
- Sattlernaht







