Wildleder ist ein natürliches Leder, das aus der inneren Schicht der Tierhaut (Fleischseite) gewonnen und speziell geschliffen wird, wodurch auf seiner Oberfläche ein weicher, charakteristischer Flaum mit deutlich fühlbarer Faserstruktur entsteht. Dieses beliebte Material wirft bei angehenden Sattlern und Feinsattlern viele Fragen auf, insbesondere hinsichtlich seiner Haltbarkeit, der Verarbeitungsmethoden und der Unterschiede zu anderen Lederoberflächen. In der Handwerkswerkstatt erfordert Wildleder eine völlig andere Herangehensweise als klassisches pflanzlich gegerbtes Rindsleder oder glattes Narbenleder. Das Verständnis seiner Anatomie und physikalischen Eigenschaften hilft, viele Frustrationen bei der Gestaltung von Taschen, Geldbörsen oder weichen Accessoires zu vermeiden.
Charakteristik
Um vollständig zu verstehen, was natürliches Wildleder ist, müssen wir uns den Querschnitt des Leders in der Gerberei ansehen. Die vollständige Tierhaut besteht aus zwei Hauptschichten: der äußeren Narbenschicht (Haarseite) und der inneren Fleischschicht (Netzschicht). Wildleder entsteht aus dieser zweiten, tieferen Struktur. Es wird meist in einem Prozess namens Spalten gewonnen. Dickes Leder wird durch eine Spaltmaschine geführt, die es horizontal durchtrennt. Der obere Teil behält den Narben, die untere, abgetrennte Schicht ist das sogenannte Spaltleder, aus dem nach entsprechendem Schleifen dann Wildleder entsteht.
Die Berührung von hochwertigem Wildleder fühlt sich an wie das Streichen der Hand über einen dichten, kurz geschnittenen Rasen – die Änderung der Strichrichtung der Fasern unter den Fingern verändert sofort den Farbton und die Textur der Oberfläche. Dieser optische Effekt entsteht durch die feinen, aufstehenden Kollagenfasern, die beim maschinellen Bürsten und Schleifen in der Gerberei gezielt aufgeraut und egalisiert wurden. Wildleder fühlt sich dadurch sehr angenehm an, ist matt und vollkommen frei von dem glatten Glanz, der für Narbenleder typisch ist.
Viele handwerkliche Einsteiger verwechseln Wildleder mit Nubuk, was oft zur falschen Materialwahl für ein Projekt führt. Der grundlegende Unterschied liegt im Ursprung der Schicht. Nubuk ist ein Narbenleder (die äußere Schicht), das von der Oberseite her sehr fein angeschliffen wurde, um einen samtigen Griff zu erhalten. Wildleder ist Leder, das von der Innenseite (Fleischseite) oder aus dem Spaltleder geschliffen wurde. Aus diesem Grund ist Nubuk deutlich stärker, widerstandsfähiger gegen Dehnung und meist teurer, da es die stärkste Faserstruktur direkt unter der Epidermis behält. Natürliches Wildleder hat eine lockerere Faserbindung. Es ist dafür viel elastischer, fließender und weicher, was ihm einen Vorteil bei Projekten verschafft, die ein freies Fallen des Materials erfordern. Manchmal begegnet man auch dem Begriff Veloursleder – in der Lederwaren- und Schuhterminologie bezeichnet dies meist ein sehr dünnes, hochwertiges Wildleder mit besonders feinem und gleichmäßigem Flaum, das hauptsächlich für luxuriöse Innenfutter oder Bekleidung verwendet wird.
Die meisten auf dem Markt erhältlichen Wildleder sind chromgegerbte Leder. Dieser Prozess verleiht ihnen die gewünschte Weichheit und Leichtigkeit und ermöglicht die Erzielung extrem intensiver, leuchtender Farben, von Tiefschwarz bis Neonpink. Es ist jedoch zu beachten, dass die Chromgerbung dem Handwerker bestimmte technische Einschränkungen auferlegt. Solches Leder kann nicht mit Stempeln geprägt werden, da es das eingedrückte Muster nicht hält. Die Verwendung eines Werkzeugs wie eines Rotationsmessers (swivel knife) würde nur die Faserstruktur zerstören. Darüber hinaus nehmen bereits werksseitig in einer bestimmten Farbe fertiggestellte Leder Farben auf Wasser- oder Alkoholbasis nicht kontrolliert auf. Wenn man auf Wildleder Fiebing's Pro Dye gießt, dringt es sofort ein, bildet einen harten, verklebten Fleck und zerstört den Flaum. Wildleder sollte man auch nicht mit Wachsen oder Pflegeölen behandeln – diese Mittel ruinieren sofort die flauschige Textur und verwandeln sie in eine klebrige, dunkle Kruste.
Ein weiteres Schlüsselmerkmal von Wildleder ist sein Verhalten an den Kanten. Wildleder wird nicht durch Polieren mit Tokonole und einem Holzpolierer (wood slicker) veredelt. Die losen Fasern des Spaltleders lassen sich nicht so zusammendrücken und glätten wie die dichten Fasern von pflanzlich gegerbtem Rindsleder. Der Versuch, Tokonole auf die Kante von Wildleder aufzutragen und mit einem Polierer zu reiben, endet lediglich in einem Ausfransen der Kante und einer Verschmutzung der Oberseite.
Anwendungen
Die spezifischen physikalischen Eigenschaften, wie Elastizität, fehlende Steifigkeit und geringe Widerstandsfähigkeit gegen hohe Linienbelastungen, bestimmen die konkreten Einsatzbereiche von Wildleder in der Sattlerei und Feinsattlerei.
- Futter in luxuriösen Lederwaren. Dies ist eine der häufigsten Anwendungen. Wildleder mit einer Stärke von 0,5 mm bis 0,8 mm eignet sich hervorragend als Innenschicht von Taschen, Aktentaschen oder Geldbörsen. Mit der Fleischseite auf die Fleischseite des Hauptnarbenleders geklebt, erhöht es nicht nur die Ästhetik des Produkts, sondern schützt auch den Inhalt vor Kratzern. In solchen Projekten wird oft Wildschweinvelours oder dünnes Rinderspaltleder verwendet.
- Weiche Henkeltaschen (Hobo-Bags) und Beutel. Konstruktionen, bei denen das Leder natürlich fallen und sich unter seinem eigenen Gewicht legen soll, sind die ideale Umgebung für Wildleder. Leder mit einer Stärke von 1,2 mm bis 1,6 mm bietet hier ausreichende Festigkeit für den Korpus, während es gleichzeitig eine lockere, informelle Form ermöglicht.
- Inneneinteilungen und Schmucketuis. Empfindliches natürliches Wildleder mit einer Stärke von etwa 0,6 mm ist sicher für Edelmetalle, Steine und Bildschirme elektronischer Geräte. Daraus werden weiche Einschübe, Fächer in Schatullen sowie Kordelzugbeutel genäht.
- Einsätze und Konstruktionsdetails (Faltenbalg/Seitenfalten). In festen Taschen aus pflanzlich gegerbtem Rindsleder fehlt oft die Elastizität an Biegungen oder in den Seitenwänden (sog. Faltenbälgen). Das Einnähen von Wildleder mit einer Stärke von 1,0 mm an diesen Stellen ermöglicht ein müheloses Öffnen und Schließen der Tasche, ohne unschöne Knickstellen im harten Hauptleder zu erzeugen.
- Schuhe wie Mokassins und Stiefeletten. Hier werden deutlich dickere Wildleder verwendet, oft im Bereich von 1,6 mm bis 2,2 mm. Diese Stärke des Spaltleders bietet Widerstandsfähigkeit gegen Scheuerstellen und ermöglicht es den Schuhen gleichzeitig, sich schnell der Fußform des Trägers anzupassen.
- Handschuhe und Bekleidung aus Leder. Extrem dünnes und ausgesuchtes Wildleder (0,4 mm bis 0,8 mm), gegerbt im Hinblick auf maximale Elastizität. Es erfordert eine Naht mit feiner Stichlänge und die Verwendung spezieller, dünner Sattlergarne, damit die Perforation das Material nicht übermäßig schwächt.
Wie man es auswählt
Die Arbeit mit Wildleder liefert wunderschöne Ergebnisse, erfordert aber eine bewusste Auswahl des Materials und der Nähtechnik für das jeweilige Projekt. Wenn Sie ein handwerklicher Anfänger sind, beachten Sie einige grundlegende Prinzipien, die Sie davor bewahren, Leder zu verschwenden.
Erstens, wählen Sie die richtige Stärke für die Funktion. Wenn Sie eine weiche Beuteltasche ohne Futter nähen möchten, ist Wildleder mit einer Stärke von 0,6 mm zu labil – die Tasche verliert jede Form, und die Stellen, an denen Nieten gesetzt oder Griffe angenäht werden, reißen schnell aus. Wählen Sie für ein solches Projekt Leder mit einer Mindeststärke von 1,4 mm bis 1,6 mm. Wenn Sie hingegen Material für ein Geldbörsenfutter suchen, wird Wildleder dicker als 0,8 mm die gesamte Geldbörse unhandlich und an den Kanten zu dick machen, nachdem mehrere Lagen zusammengelegt wurden.
Zweitens, planen Sie die Kantenbearbeitung bereits in der Entwurfsphase. Wie bereits erwähnt, lässt sich Wildleder nicht schön polieren. Sie haben drei professionelle Wege. Der erste ist das Umschlagen der Kanten (französische Futterverarbeitung oder Zuschärfen und Falzen). Dazu wird der Lederrand auf etwa 0,3 mm ausgedünnt (Falzen), mit Kleber bestrichen und nach innen umgeschlagen, was einen sauberen Rand ergibt. Die zweite Möglichkeit ist die Verwendung einer speziellen Kantenfarbe. Diese erfordert jedoch mehrere Schichten Grundierung, da poröses Wildleder Flüssigkeiten sehr stark aufsaugt. Der dritte Weg, der bei weichen Taschen am gebräuchlichsten ist, ist das Nähen auf der linken Seite und das anschließende Wenden des gesamten Produkts auf die rechte Seite – dabei bleiben die rohen Kanten im Inneren verborgen (sog. Beutelnaht).
Drittens, achten Sie auf die Wahl des Sattlergarns und der Schneidwerkzeuge. Wildleder kann beim Stanzen tückisch sein. Stumpfe Stichel (Prickeisen, Prickrad) durchdringen die Fasern nicht sauber, sondern drücken sie in das Loch hinein, was unschön aussieht. Verwenden Sie stets scharfe Stichel (gängige Teilungen sind 3 mm oder 4 mm für kleinere Lederwaren). Zum Nähen von Wildleder mit der Sattlernaht (saddle stitch) eignen sich besser Polyesterfäden mit glattem Geflecht, wie Vinymo MBT, oder leicht gewachste Geflechtfäden wie Slam in Stärke 0,6 mm. Zu dickes, stark gewachstes Sattlergarn kann den feinen Flaum des Wildleders bei jedem Durchziehen durch das Loch mitreißen. Verzichten Sie auch auf die Verwendung eines Kantenhobels auf einer einzelnen Lage weichem Wildleder – dieses Werkzeug wird die elastische Haut anstatt einer sauberen Kante eher zerfasern und zerknittern.
Für den fortgeschrittenen Handwerker ist bei Wildleder die Frage der Verstärkungen entscheidend. Da Wildleder leicht dehnbar ist, eignet es sich nicht für tragende Elemente wie Träger von schweren Taschen, es sei denn, es wird entsprechend versteift. Dies erfordert das Einfügen eines speziellen Verstärkungsbandes (z. B. aus nicht dehnbarem Kunststoffmaterial) zwischen zwei Lagen Wildleder oder das Unterkleben des Riemens mit dünnem pflanzlich gegerbtem Rindsleder. Nur eine solche Konstruktion garantiert, dass sich der Gurtriemen nach einem Monat Nutzung nicht um mehrere Zentimeter verlängert.
Produkte aus unserem Sortiment
In unserem Fachgeschäft für Lederwerkzeug und Materialien haben wir ein Sortiment zusammengestellt, das eine umfassende Arbeit mit verschiedenen Lederarten, einschließlich anspruchsvollen Spaltledern und Wildleder, ermöglicht. Die richtige Wahl des Grundmaterials ist die halbe Miete für Ihren Projekterfolg.
- Spaltleder und Wildleder – In dieser Kategorie finden Sie ausgewählte Leder mit weichem Griff und charakteristischem Flaum. Wir bieten Spaltleder in verschiedenen Stärken an, die sich sowohl als luxuriöse Innenfutter für feste Taschen aus pflanzlich gegerbtem Rindsleder als auch als Hauptmaterial für weiche Beutel, Etuis oder Organizer eignen.
- Natürliche Leder – Eine breite Abteilung, in der Sie neben klassischen pflanzlich gegerbten Rindsledern und Narbenleder auch Materialien mit unterschiedlichen Oberflächenveredelungen finden. Achten Sie beim Durchstöbern dieser Kategorie auf die Dickenangaben (in mm) und die Art der Gerbung, um das Leder ideal an Ihre geplante Nähtechnik und Kantenbearbeitung anzupassen.
Verwandte Begriffe
- Nubuk
- Spaltleder
- Fleischseite
- Chromgerbung
- Sattlernaht
- Kantenbearbeitung von Leder







