Pflanzlich gegerbtes Leder (pflanzlich gegerbt, Veg-Tan) ist naturbelassenes Leder, das ausschließlich mit pflanzlichen Gerbstoffen aus Eichenrinde, Weide oder Kastanie gegerbt wird. Dieses Material verändert sich im Laufe der Zeit, entwickelt eine edle Patina und ist daher die erste Wahl traditioneller Handwerker.
Was zeichnet pflanzlich gegerbtes Leder aus?
Die pflanzliche Gerbung ist eine der ältesten Methoden der Lederverarbeitung weltweit. Sie kann mehrere Wochen bis zu einem Jahr dauern. Das Ergebnis ist ein Material mit außergewöhnlichen Eigenschaften – in roher Form fest, aber nach richtiger Befeuchtung äußerst formbar. Dieses Leder hat einen natürlichen, erdigen Geruch und in rohem Zustand (sog. Crust) meist eine helle, beige oder leicht rosafarbene Färbung.
Stell dir pflanzlich gegerbtes Leder wie einen dichten, saugfähigen Schwamm mit sehr kompakter Struktur vor. Wenn du Lederfarbe auf Alkoholbasis oder natürliches Öl aufträgst, zieht es tief in die Poren ein und verändert den Charakter dauerhaft. Im Gegensatz zu chromgegerbtem Leder, bei dem Wasser wie von einer Kunststoffbeschichtung abperlt, nimmt pflanzlich gegerbtes Leder Feuchtigkeit auf, was eine freie Nassformung ermöglicht.
Für manche ein Nachteil, für andere ein Vorteil – pflanzlich gegerbtes Leder ist ohne richtige Pflege sehr empfindlich gegenüber äußeren Einflüssen. Ein Wassertropfen hinterlässt einen dunklen Fleck, und Sonneneinstrahlung führt zu einer Bräunung. Mit der Zeit dunkelt das Leder nach, wird weicher und entwickelt eine einzigartige Patina, die die Geschichte seiner Nutzung erzählt. Dieser Vorgang ist völlig natürlich und in der Sattlerei sehr erwünscht.
Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal von pflanzlich gegerbtem Leder ist die Möglichkeit, die Kanten zu glätten und zu polieren (Burnishing). Die Fasern pflanzlich gegerbten Leders verschmelzen unter Reibung und geeigneten Chemikalien zu einer glatten, ästhetischen Kante, ohne dass Kantenfarbe nötig ist.
Wofür eignet sich pflanzlich gegerbtes Leder?
Pflanzlich gegerbtes Leder ist ein äußerst vielseitiges Material, das je nach Dicke in fast jeder Art von Sattlerei-Projekt verwendet werden kann.
- Gürtelriemen: Dicke Rückenstücke und Krupon von Rindsleder (3,5–4,5 mm) sind das ideale Material für langlebige Gürtel, die Jahrzehnte überdauern.
- Brieftaschen und Kartenhalter: Dünnere Stücke (1,0–1,5 mm) eignen sich hervorragend für kleine Lederwaren, bei denen Präzision und eine elegante Kantenbearbeitung wichtig sind.
- Messerscheiden und Holster: Pflanzlich gegerbtes Leder mit 2,5–3,5 mm Dicke ermöglicht Nassformgebung (Wet Molding), passt sich perfekt an die Klinge oder Waffe an und behält nach dem Trocknen seine Form.
- Prägen und Schnitzen (Tooling): Dies ist die einzige Lederart, die nach Befeuchtung mit Wasser Muster von Punziereisen, Stempeln oder Ritzwerkzeugen dauerhaft annimmt.
- Taschen und Aktentaschen: Mittlere Dicken (2,0–2,5 mm) werden für Korpusse handgefertigter Taschen verwendet, die Formstabilität benötigen.
Wie wähle ich aus und worauf sollte ich achten?
Bei der Auswahl von pflanzlich gegerbtem Leder musst du zuerst die erforderliche Dicke für dein Projekt bestimmen. Die Dicke wird in Millimetern angegeben. Eine Brieftasche aus 2,5 mm dickem Leder wird ein unhandlicher, dicker Klotz, während ein Gürtelriemen aus 1,5 mm Material schnell ausleiert und seine Form verliert. Passe die Dicke immer an die Funktion des Gegenstands an.
Wichtig ist auch die Wahl des richtigen Teils der Haut. Der Krupon (Butt) ist der stärkste, kompakteste Teil – ideal für Gürtelriemen und Riemen. Die Schultern (Shoulders) bieten ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und eignen sich für Taschen oder Brieftaschen, können jedoch natürliche Fältchen (Fat Wrinkles) aufweisen. Die Bäuche (Bellies) sind am günstigsten, aber auch dehnbarer und von lockerer Struktur – sie eignen sich für Prototypen oder unsichtbare Verstärkungsteile. Achte auch darauf, ob das Leder roh (zum Selbstfärben) oder bereits in der Gerberei eingefärbt ist.
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